Regisseur Kaurismäki: „Das Virus ist schon die Kulisse“

Mika Kaurismäki ist mit „Master Cheng“ im Kino und drehte in der „Corona Bar“

Mika Kaurismäki (r.) beim Dreh von „Master Cheng in Pohjanjoki“ mit Pak Hon Chu und Kari Väänänen.
Mika Kaurismäki (r.) beim Dreh von „Master Cheng in Pohjanjoki“ mit Pak Hon Chu und Kari Väänänen. © Polyfilm Verleih

Mika Kaurismäki („Zombie and the Ghost Train“), Filmemacher, Weitgereister und Bruder von Regisseur Aki Kaurismäki („Der Mann ohne Vergangenheit“) ist mit einem neuen Film im Kino.

„Master Cheng in Pohjanjoki“ ist ein ungewöhnliches Werk des Finnen, das aber perfekt in unserer Zeit passt. Dass der Regisseur auch in Corona-Zeiten nicht untätig blieb, erzählt er im Interview.

Cheng sagt in Ihrem Film „Es ist ein schöner Ort, um hier zu sein!“ Ist Finnland für Sie so ein Ort?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe 30 Jahre in Brasilien gelebt und jetzt drei Jahre in Lissabon. Dazwischen habe ich auch in anderen Ländern gewohnt, in Deutschland, in Italien, in Los Angeles … Jetzt bin ich zurück in Finnland und ich fühle mich sehr wohl. Und die Natur ist bei uns noch ziemlich gut intakt. Ich mag Brasilien auch sehr gern, aber Finnland ist jetzt wirklich ein guter Ort zum Leben.

Haben Sie sich deshalb auch jetzt wieder filmisch Ihrer Heimat zugewandt?

Ich habe auch schon zwischendurch immer wieder Filme in Finnland gemacht, aber dieser Film war für mich definitiv auch die Rückkehr nach Finnland. Wir leben jetzt hier in Finnland, meine jüngsten Kinder gehen hier zur Schule. Die wollten, obwohl sie Brasilianer sind, unbedingt nach Finnland und wir bleiben erstmal hier.

Woher kam denn die Idee, die chinesische und die finnische Kultur in einem Film zusammenzubringen?

Eigentlich durch einen Zufall. Ich bin ein großer Lapplandfan. Ich fahre seit 35 Jahren jeden Sommer nach Lappland mit meinem Bruder und ein paar anderen Leuten. Auch im Winter, normalerweise zur Weihnachtszeit. Wir verbringen Weihnachten sehr oft in Lappland und normalerweise ist es zu Weihnachten da ganz leer, da ist niemand, weil es nur dunkel ist. Aber vor ein paar Jahren war das kleine Dorf, in dem wir waren, voller Menschen. Wir dachten, es wäre irgendein Sportereignis, aber es waren Touristen, chinesische Touristen. Die Touristeninvasion nach Lappland hat da angefangen, vor drei, vier Jahren. Daher kam eigentlich die Idee. Es gab auch Touristen aus anderen Ländern, aber da jetzt die Chinesen Finnland gefunden haben, dachte ich mir, das wäre schön, etwas zwischen Finnland und China zu machen.

Was war die Grundidee zu „Master Cheng“?

Ich wollte einen Film machen, der Menschen zusammenführt, statt sie voneinander zu trennen, wie viele verrückte, wahnsinnige politische Führer es heutzutage machen. Die wollen ja sogar ihre eigenen Leute voneinander trennen. Dazu wollte ich ein Gegenbild schaffen. Es ist eine positive Globalisierung, die ich zeige. Man denkt immer, bei Globalisierung geht es nur um Geld und Wirtschaft. In meinem Film treffen sich einfach zwei kleine Menschen in Lappland und finden sich.

Eine große Rolle spielt in Ihrem Film das Essen. Kein besonderes Aushängeschild von Finnland …

In der Traditionellen Chinesischen Medizin spielt das Essen eine sehr zentrale Rolle. Essen ist Medizin. Das ist eine tausende Jahre alte Tradition. Wir in Finnland haben eine sehr kurze Tradition, was Küche und Essen betrifft. Und eigentlich gibt es gar keine richtige Tradition. Unser Essen ist sehr einfach. Nur Fisch, Kartoffel, Reis und Wurst. Ich dachte, man könnte diese beiden Kulturen übers Essen zusammenbringen.

Ist der Film auch eine Liebeserklärung an Finnland?

Ja, aber es ist auch eine Liebeserklärung an die Welt und die Natur. Unsere Welt ist ein schöner Platz, wenn wir uns zusammen um sie kümmern.

Würden Sie sagen, dass „Master Cheng“ ein „Feel-good-movie“ ist?

Ja, unbedingt. Es gibt so viele negative Nachrichten, wenn man den Fernseher anmacht, Radio hört oder Zeitung liest. Es sind fast immer nur negative Sachen, die man hört. Und ich dachte mir, ich mache einmal einen positiven Film. Wenn man aus dem Kino kommt, hat man irgendwie ein gutes Gefühl und positive Gedanken. Das braucht man gerade heute. Der Film passt eigentlich jetzt noch besser, aber das war natürlich nicht geplant. Ich wusste noch nichts vom Virus, als ich den Film gemacht habe.

Wie haben Sie denn die vergangenen Monate mit der Corona-Pandemie erlebt – auch beruflich?

In Finnland haben wir das ziemlich gut kontrolliert. Natürlich haben wir auch Maßnahmen und waren sehr isoliert. Aber wir haben sogar einen Film gemacht in der Zeit. Es geht nicht um Corona, aber es ist eine Geschichte, die in dieser Situation spielt, in der Isolation. Der Titel lautet „Corona by Night“. Mein Bruder und ich haben seit 30 Jahren eine Bar und die heißt „Corona-Bar“. Wir haben die Geschichte von drei Männern, die sich in der Bar treffen, dort gedreht. Die Geschichte passiert in der Zeit und das Virus ist sozusagen schon irgendwie die Kulisse. Ich hoffe, der Film kommt Anfang nächsten Jahres heraus. Man weiß ja nicht, ob die Kinos da schon wieder überall offen haben.

Und Sie durften in Finnland drehen? In Österreich darf man das erst seit ein paar Wochen wieder.

Bei uns durfte man das auch nicht, aber wir haben niemanden gefragt.

Sie werden jetzt einer der Ersten sein, der einen Film über Corona gedreht hat.

Spielfilm wahrscheinlich schon. Es gab ja viele Sachen, die Schauspieler oder Musiker auf der ganzen Welt während der Isolation gemacht haben, Kurzfilme usw. Aber von einem anderen Spielfilm habe ich noch nicht gehört.

Mit Filmregisseur MIKA KAURISMÄKI sprach Mariella Moshammer

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