Regisseurin Maria Arlamovsky: „Uns nachzubauen wird noch ewig dauern“

Regisseurin Maria Arlamovsky über ihre Doku „Robolove“, programmierte Kinder und Angst

Regisseurin Maria Arlamovsky
Regisseurin Maria Arlamovsky © Sebastian Arlamovsky

Es ist ein breites Feld, das Regisseurin Maria Arlamovsky in „Robolove“ beackert. Die Beziehung Mensch-Roboter steht im Mittelpunkt, Arlamovsky begibt sich in ihrer Doku mitten hinein in unsere mögliche Zukunft.

Werden die Gefährten aus Stahl und Silikon wertvolle Helfer, oder haben sie so viel Grips, um uns zu ersetzen?

VOLKSBLATT: Wie hat sich denn Ihre erste Begegnung mit einem Androiden (menschenähnlicher Roboter, Anm.) abgespielt?

ARLAMOVSKY: Das war in Japan. Wenn man mit soviel Erwartungshaltung wie ich da hinfährt, ist man, glaube ich, immer ein bisschen enttäuscht. Ich habe immer darauf gewartet, ob es diesen knisternden Moment gibt, wo man sich denkt: „Wow, da passiert was!“ Aber irgendwie ist dann doch zu wenig Ausstrahlung da. Zumindest für mich als Frau. Ich kenne viele Videos, wo Männer sagen, sie seien gerührt, wenn die Puppe ihnen zublinzelt. Das hat bei mir nicht stattgefunden. Aber technisch gesehen ist man schon beeindruckt, wenn so ein Ding sich bewegt und Sätze formulieren kann. Was am meisten fasziniert, sind die Macher und Macherinnen, weil die tatsächlich passionierte Visionäre sind. Die Roboter selbst haben nicht so sehr auf mich gewirkt. Man merkt zu schnell, dass es kaltes Plastik ist.

Was ist denn die Vision dieser Macher?

Die Prototypenhersteller haben Visionen, dass es Märkte gibt, wo wir diese Roboter brauchen könnten. Die einen sagen, es wäre gut, weil wir im Altenpflegebereich Bedarf haben. Auch für autistische Kinder gibt es schon kleine Roboter, die helfen. Also überall dort, wo es für den Menschen anstrengend ist, würde man gerne eine Maschine erfinden.

Woher kommt denn Ihr Interesse an der Thematik?

Ich habe vorher den Film „Future Baby“ gemacht, da ging es darum, die Natur zu überwinden, das perfekte Kind zu machen. Der nächste Gedanke war, dass es Menschen gibt, die die perfekte Frau „bauen“ wollen. Ein uralter Gedanke, aber heute steckt der Gedanke dahinter, dass wir upgegradet, verbessert werden müssen, weil die künstliche Intelligenz (KI) um sich greift. Diese Verletzungen und Kränkungen, die damit einhergehen, menschlich, biologisch zu sein, die wollen überwunden werden.

Es ist als Frau hart, jene Szene anzuschauen, in der die Roboter-Frau sagt: „Ich wurde kreiert, um zu gefallen.“ Wie groß ist denn die Gefahr, dass der Umgang mit diesen Puppen auf menschliche Wesen übertragen wird?

Eine Soziologin meinte bei der Premiere des Films, dass es schon Studien gibt, die belegen, dass das sehr wohl übertragen wird. Auch bei den kleinen KIs, die man sich daheim auf den Tisch stellt, wurde beobachtet, dass Kinder mit denen in einem fürchterlichen Befehlston reden. Heute haben wir schon so viele technische Hilfsmittel, die etwas für uns tun, ohne dass wir emotional etwas tun müssen. Wir verlieren die Kompetenz, Rücksicht zu nehmen, uns anstrengen zu müssen, wenn es schwierig wird.

Eine Behauptung in Ihrem Film scheint recht logisch: Wir programmieren nicht nur Roboter, sondern auch unsere Kinder, in denen wir ihnen Werte usw. beibringen …

Das hat mich auch sehr fasziniert. Das ist im ersten Moment eine Ansage, mit der man gar nichts zu tun haben will. Aber wenn man es sich dann durchüberlegt, stimmt das bis zu einem gewissen Grad. Gerade diese schwarze, amerikanische Technikerin, die darüber redet, was wir als Gesellschaft unseren Kindern beibringen. Es gibt Studien darüber, dass dreijährige Kinder in den USA bereits wissen, dass es nicht vorteilhaft ist, einen schwarzen Körper zu haben. Das sind gesellschaftliche Informationen, die man kriegt, die nicht bewusst sind, insofern sind wir auch „programmiert“. Das Spannende an der Robotik ist, dass man die Menschen so genau studieren muss, damit man versteht, wie wir funktionieren, damit die Roboter programmiert werden können wie wir. Da kommt viel zutage. Darüber nachzudenken, wie sehr wir eigentlich ferngesteuert sind, ist kränkend. Vielleicht sind wir ja gar nicht so toll und so individualistisch, wie wir es bis dato immer gesagt bekommen haben.

Über dem Thema Roboter weht immer ein Hauch von Gefahr. Nach all Ihren Erfahrungen: Haben Sie Angst?

Als ich begonnen habe zu recherchieren, war ich viel verängstigter als jetzt, wo ich weiß, wie weit der Stand ist und wie unmöglich es ist, uns so einfach nachzubauen. Dass bald wie bei „Blade Runner“ Replikanten herumrennen auf der Straße, das halte ich für gute Science Fiction. Unsere Körper funktionieren so gut. Uns nachzubauen, das wird noch ewig dauern.

Den Robotern, denen Sie begegnet sind, denen hat noch sehr viel zum Menschsein gefehlt?

Ja, komplett. Es gibt ja diese dystopische Angst, dass die viel gescheiter werden als wir und uns dann vernichten werden. Das ist eine menschliche Angst, weil wir das machen, Kulturen zerstören, die uns unterlegen sind, die schwächer sind. Das ist eine Projektion, eine Angst, das etwas Neues kommt, das uns zerstören wird. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Menschen sind, die jedes Detail programmieren. Ich bin inzwischen der Meinung, dass wir eher vor uns Angst haben müssen, und nicht vor diesem Metall- und Silikonnachbauten.

Mit MARIA ARLAMOVSKY sprach Mariella Moshammer

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