Reinsperger: „Ich bin privat immer die Letzte, die checkt, wer der Mörder ist“

Stefanie Reinsperger ist jetzt „Tatort“-Kommissarin und hatte als Buhlschaft zwei harte Sommer

Die Österreicherin Stefanie Reinsperger ermittelt ab 21. Februar beim „Tatort“ Dortmund als Rosa Herzog.
Die Österreicherin Stefanie Reinsperger ermittelt ab 21. Februar beim „Tatort“ Dortmund als Rosa Herzog. © WDR/Stephan Pick

Sie war die Buhlschaft, begeistert das Theaterpublikum in Wien und Berlin, spielte schon in der Kultserie „Braunschlag“ eine Polizistin und ermittelt ab 21. Februar beim „Tatort“in Dortmund: die 33-jährige aus Baden bei Wien stammende Schauspielerin Stefanie Reinsperger.

VOLKSBLATT: Sie sind jetzt „Tatort“-Kommissarin — wie fühlt sich der Titel an?

STEFANIE REINSPERGER: Ich hab’s nicht so mit Titel, aber noch fühlt es sich unwirklich an. Ich glaube, ich kann mir das dann auch gar nicht anschauen im Fernsehen. Ich bin einfach total glücklich, auch in diesem Team gelandet zu sein.

Wie war denn der Einstieg als Neuling in ein bestehendes Team?

Urschön! Es war ja ein „Corona-Dreh“, also unter sehr sehr strengen Auflagen. Das war ja für alle neu, dadurch waren wir alle, was das betrifft, auf demselben Stand. Das hat zusammengeschweißt. Aber ich bin schon bei den Castings so wahnsinnig interessiert und herzlich aufgenommen worden.

Weniger geschmeidig ist der Einstieg Ihrer Figur beim „Tatort“ Dortmund, Rosa Herzog. Wie geht es denn mit Ihrem Charakter weiter?

Ja, da darf ich noch nicht so viel verraten. Wir haben uns entschieden, so ein paar kleine Fährten zu legen. Die Figur hat auf jeden Fall schon sehr sehr viel durchgemacht und erlebt. Ich sehe diesen ersten Teil so als Einladung, dass man sich fragt „Warum ist die so, was macht sie da?“ Da wird man nach und nach mehr erfahren.

Corona ist bereits Thema in der Folge. War das so geplant?

Es war schon erstaunlich, wie aktuell das Drehbuch war, obwohl es ja schon älter war. Bei ein paar Dialogstellen hat man sich auch bewusst dafür entschieden, dass Corona vorkommt. Das ist einfach unsere Zeit und der Regisseur hat sich dazu entschieden, das auch nicht zu verstecken. Es wird aber auch nicht die ganze Zeit draufgedrückt.

Thematisch geht es auch darum, dass Menschen nur die eigene Meinung gelten lassen, der Rest erntet einen Shit-storm. Wie geht es Ihnen, als jemand der in der Öffentlichkeit steht, damit? Ist man vorsichtig, was man sagt oder in sozialen Medien postet?

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Ich würde sogar weiter gehen. Vor allem bei Frauen hat das nicht nur damit zu tun, was wir sagen, oder nicht, sondern welches Foto wir von uns posten oder nicht. Das finde ich ganz grauenhaft, schrecklich. Ich wünsche mir da einen respektvollen und niveauvollen Umgang miteinander, auch was die Kommentare usw. betrifft. Das ist ein sehr schutzfreier Raum, weil jeder alles einfach schreiben und sagen darf und damit einfach unglaublich viel Schaden anrichten kann. Da sollten wir sehr sehr vorsichtig und liebevoll miteinander umgehen.

Wie reagieren Sie, wenn Sie mit solchen Dingen konfrontiert werden?

Ich war damit schon konfrontiert und habe damals aufgrund dessen meinen Facebook-Account komplett gelöscht. Heute bin ich schon lange nicht damit konfrontiert gewesen. Aber wenn das jetzt passieren würde, würde ich viel mehr in eine öffentliche Diskussion gehen. Ich habe das früher geschluckt und mit mir selber ausgemacht. Das sehe ich überhaupt nicht mehr ein! Das muss viel mehr publik gemacht werden, was man sich da oft anzuhören hat. Ja, mir ist bewusst, ich bin Schauspielerin, ich stehe in der Öffentlichkeit, aber ich möchte vor allem mit meiner Arbeit in der Öffentlichkeit stehen. Es ist völlig okay, wenn nicht allen gefällt was ich machen, auch wenn ich menschlich nicht allen gefalle. Aber entweder kommentiert man gar nicht oder in einer Art und Weise, wie man sich selber wünscht, wie mit einem umgegangen wird.

Gerade stehen Sie ja für den Landkrimi in Salzburg vor der Kamera, wieder als Polizistin in Uniform. Ist das ihr Ding, Polizistinnen zu spielen?

Ich glaube, das ist Zufall. Meine Eltern lachen immer so, weil privat habe ich überhaupt kein kriminalistisches Gespür. Wenn ich mit meinen Eltern Krimis schaue, bin ich immer die Letzte, die checkt, wer der Mörder ist. Aber ich finde es ehrlich gesagt ziemlich cool, dass ich viele Polizistinnen spielen darf. Das sind immer Frauen, die verdammt gut in ihren Jobs sind und mit Herz agieren. Auch die Maria Theresia war so ein absoluter Traum, der wahr geworden ist. Ich hoffe, dass ich mal wieder historisch und komplett anders verkleidet drehen darf, weil mir das schon auch sehr viel Freude macht.

Ist das in „normalen“ Zeiten, wo Sie auch viel auf der Bühne stehen, ein großer Schritt vom intensiven Spiel dort vor die Kamera?

Ja, auf jeden Fall und ich liebe es, immer wieder neu herausgefordert zu werden. Das sind ganz andere Bedingungen, beim Drehen ist alles komplett unchronologisch, es sind ganz andere Arbeitszeiten mit Aufstehen um fünf Uhr, das gibt es beim Theater nicht. Ich liebe es, im Hotel zu wohnen, mit dem Team unterwegs zu sein, mal weg zu sein von Berlin, zuhause zu sein. Aber sobald ich dann wieder am Theater probe, geht auch wieder total mein Herz auf.

Egal, ob man Kritiken von Bühnen- oder Fernsehauftritten liest — fast immer wird Ihnen eine immense Präsenz bescheinigt. Ist das etwas, was Sie privat auch mögen — Aufmerksamkeit erregen?

Privat errege ich nicht gern Aufmerksamkeit. Ich versuche einfach ein offener und empathischer Mensch zu sein, so wie ich zuhause erzogen worden bin. Aber Trubel und Jubel um meine Person, das mag ich überhaupt nicht. Ich lache gerne und bin ein aufgeweckter Mensch, aber das Idealbild eines Abends ist für mich mit meinen engsten Freunden zuhause, in Ruhe, bei einem Spieleabend.

Nicht die große Party: reinkommen und alle Blicke sind auf Sie gerichtet …

Nein, um Gottes Willen, das mag ich überhaupt nicht. Ich kuschle lieber mit der Meute zusammen, am liebsten in Jogginghosen und Sneaker.

Für viele Schauspieler ist das Burgtheater der Olymp. Sie waren schon dort, haben das Haus wieder verlassen und sind jetzt seit 2017 am Berliner Ensemble. Fühlen Sie sich angekommen?

Ja schon. Das Berliner Ensemble ist wirklich sehr schnell mein Zuhause geworden. Oliver Reese ist so ein wundervoller Intendant, mit dem man als Schauspielerin auch so toll in den Dialog kommen kann. Wo ich eingeladen werde zu einem Diskurs und nicht nur über mich entschieden wird.

Wie geht es Ihnen mit dem deutschen Publikum? Geht Ihnen das österreichische ab?

Im Moment geht mir jedes Publikum ab! Das ist furchtbar! Es ist schon so lange her, dass ich vor Menschen spielen konnte. Ich hatte in Berlin meinen Einstand mit dem „Kaukasischen Kreidekreis“, diesem Kultstück von Brecht, das Helene Weigl am Berliner Ensemble gespielt hat. Und ich bin da so herzlich aufgenommen worden. Ich mag das Publikum, es ist sehr ehrlich, sehr direkt.

2017 und 2018 haben Sie die Rolle gespielt, die in aller Munde ist, aber auf der Bühne selbst kaum ‘was zu sagen hat. Rückblickend — war die Buhlschaft eine gute Wahl?

Schwierig zu beantworten. Das waren mit die härtesten zwei Sommer, die ich hatte. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe und ich habe auf jeden Fall für mich sehr viel dazugelernt. Vielleicht manches, das ich nicht so früh, so schnell hätte lernen wollen. Mein Highlight war natürlich, dass ich sagen kann: „Ich bin die Buhlschaft mit zwei Jedermännern!“ Das war irgendwie die Belohnung für diese mehr als anstrengende Zeit. Und zu erleben, wie ein Kollege in der Nacht Bescheid bekommt und wir spielen am nächsten Tag mit einem anderen Hauptdarsteller. Diese Energie zu erleben, das hat sich gelohnt mit Philipp Hochmair. Das war ein absoluter Ausnahmezustand. Dass ich den mitbekomme, das fand ich schon gut.

Was waren denn die Dinge, auf die Sie gerne verzichtet hätten?

Diese sehr krasse Reduzierung auf mein Aussehen. Es war mir natürlich bekannt, dass das mit dieser Rolle einhergeht. Dass das derartig oberflächlich vonstatten geht, da war ich doch sehr schockiert. Ich hatte auch ein schlechtes Timing. Damals kam das alles erst auf mit der #MeToo-Bewegung und ich war auch noch wahnsinnig jung und mit diesen Beleidigungen und Anschuldigungen überfordert. Und ich habe das, wie gesagt, nur mit mir selbst ausgemacht. Das wünsche ich echt Keinem, und, dass das weiter passiert. Mir egal, was das für eine Tradition hat, das ist einfach nur niveaulos.

Haben sich Ihre Pläne durch die coronabedingte Zwangspause am Theater verändert?

Für mich war das Furchtbarste, dass ich im November das Jelinek-Stück „Schwarzwasser“ geprobt habe, das durfte aber nicht aufgeführt werden. Das war auch ein großes emotionales Loch, in das ich da gefallen bin. Auch weil eine Premiere am Theater immer ein Art Erlösung ist. Es ist wirklich unschön, diese Perspektivenlosigkeit, die die Kulturschaffenden haben. Wir kommen nach wie vor in dieser Diskussion nicht vor und das ist sehr ärgerlich. Wir proben in Berlin wieder im März, aber man weiß nicht, wie das dann so weitergeht.

Mit STEFANIE REINSPERGER sprach Mariella Moshammer

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