Reise in die Vergangenheit

1943 stürzten innerhalb weniger Monate vier Maschinen der deutschen Luftwaffe über dem Innviertler Ort Kopfing ab, zehn Insassen starben. Für den damals zehnjährigen Johann Brunnbauer sollte der Anblick eines toten Piloten unvergessen bleiben. Der Kopfinger Heimatforscher Johann Klaffenböck hat die Verunglückten aus der Anonymität geholt, Brunnbauer erlebte bei einer Gedenkfeier an der Absturzstelle eine berührende Begegnung mit der Vergangenheit.

Ein bewegender Moment: Zeitzeuge Johann Brunnbauer (M.), der sich noch gut an eines der abgestürzten Flugzeuge erinnern kann, seine Gattin und Kons. Johann Klaffenböck (re.), bei der Gedenkfeier © Johann Gschwendtner

Text: Melanie Wagenhofer

Vögel und Füchse hatten sich an dem toten Piloten schon zu schaffen gemacht, als man ihn im Wald in seinem Flugzeugwrack, einer Messerschmitt 109, entdeckte. Sechs Wochen nach seinem Absturz am 26. Dezember 1943 war der Leichnam schon stark verwest und von den tierischen Angriffen entstellt. Durch Zufall hatte ein Fronturlauber das Wrack im Februar in einem entlegenen Waldstück entdeckt: Die Kunde von dem Fund verbreitete sich rasch in der Kopfinger Bevölkerung, unter denen, die an die Unglücksstelle eilten, war auch ein zehnjähriger Bub. „Johann Brunnbauer kann sich noch daran erinnern, wie der völlig abgenagte Arm mit der unversehrten Armbanduhr aus dem Flugzeug baumelte“, erzählt Klaffenböck. Ein Bild, das Brunnbauer auch als Erwachsener stets in Erinnerung behalten hat und das dem heute 85-Jährigen noch immer Alpträume beschert. Seine Familie versuchte, ihm zu helfen, mit den schlimmen Erinnerungen besser zurechtzukommen. Brunnbauers Enkelin schrieb deshalb an die Gemeinde Kopfing mit dem Anliegen, mehr über die Ereignisse von damals zu erfahren. Der Kopfinger Heimatforscher Johann Klaffenböck (Jg. 1950), ein pensionierter Landwirt, nahm sich der Sache an, die kürzlich in einer Gedenkfeier einen würdigen Abschluss fand. Der 85-jährige Zeitzeuge war mit dabei.

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4 Abstürze in 3 Monaten

Das lange verschollene Flugzeug hatte man zwar am Himmel über Kopfing wahrgenommen, nicht jedoch, wo es niedergegangen war. Auch eine Suche blieb erfolglos. 1961 erinnerte sich die Tochter des Mannes, der den Toten schließlich gefunden hatte, an das Ereignis und stellte ein schlichtes Holzkreuz an der Absturzstelle auf. „Ein Kriegsheimkehrer machte daraus eine Grabstätte mit Birkenkreuz und Stahlhelm“, erzählt Klaffenböck. Kameradschaftsbund und Dorfgemeinschaft kümmern sich seither darum. Ein zweites Flugzeug war mit dem wochenlang verschollenen im Verbund geflogen — die Maschinen waren auf dem Weg vom französischen Brest nach Bad Vöslau — und in Richtung Natternbach abgestürzt. Klaffenböck: „Es war Stefanitag und niemand draußen bei der Arbeit. Eine Kopfingerin erinnert sich heute noch daran, einen Mordsknall gehört und nicht gewusst zu haben, was das war.“ Wenig später entdeckte man den Brand, für den Piloten kam jede Hilfe zu spät. Als Ursachen für die Abstürze wurden starke Nebelbildung oder Spritmangel angenommen. An der Absturzstelle des zweiten Flugzeuges errichteten die Grundbesitzer eine Kapelle als Dank dafür, dass ihr in der Nähe befindlicher Hof verschont geblieben war.

Bereits im Oktober 1943 war über Kopfing eine Messerschmitt 410 abgestürzt. Die Maschine war von Schweinfurt kommend unterwegs nach Hörsching in einen Luftkampf mit den Alliierten verwickelt gewesen, den Insassen und Flugzeug jedoch unversehrt überstanden hatten, danach jedoch in Kopfing abgestürzt. Der erfahrene Pilot, der 200 Feindflüge absolviert hat, und der Funker starben.
Im November desselben Jahres erwischte es ein Schulflugzeug, eine JU-86, auch „Tante Ju“ genannt. Sie kam mit Flugschülern vom Wehrmachtsflughafen Pocking und stürzte in Kopfing ab. Als Ursache vermerkte der Gendarmeriebericht die Wetterbedingungen. Klaffenböck vermutet, dass man das Gelände unterschätzt wurde. Zusammen mit einer furchtbar schlechten Sicht habe das zu der Katastrophe geführt. Traurige Bilanz des Unglücks: sechs Tote.

Müde Kriegsmaschinerie

Abstürze habe man auch in anderen Gegenden immer wieder erlebt. Vier innerhalb weniger Monate in einer Gemeinde, eine solche Häufung wie in Kopfing sei jedoch sonst nicht bekannt, so Klaffenböck. Gleichzeitig stünden solche Unglücksfälle aber auch für Entwicklungen, die sich 1943 im gesamten Deutschen Reich abzeichneten. Die Kriegsmaschinerie der Nationalsozialisten sei schon stark geschwächt gewesen, viele der erfahrenen Piloten 1940 in der Luftschlacht um England und im von den Deutschen völlig unterschätzten Russland-Feldzug umgekommen. 1943 habe ein großer Mangel an Piloten geherrscht. „Man griff auf immer jüngere Männer zurück und bildete sie rasch aus, es fehlte an Erfahrung. Die meisten waren zwischen 20 und 25 Jahren alt.“ Ein später häufig eingesetztes Flugzeug, die Messerschmitt 410, Görings vermeintliche neue Wunderwaffe, die auch Hornisse genannt wurde, sei technisch noch sehr unausgereift gewesen, sagt Klaffenböck. Göring schob Probleme jedoch immer auf die Unfähigkeit der Piloten. Das und der sich schon abzeichnende Niedergang des Deutschen Reiches hinderte jedoch die Nazis nicht daran, unerbittlich weiter Menschen zu opfern.

„Die Bevölkerung nahm regen Anteil an solchen Unglücken“, weiß Klaffenböck. „Fast jede Familie hatte jemanden im Krieg verloren, solche Ereignisse erinnerten die Menschen schmerzlich an Familienmitglieder und Freunde, die noch im Krieg waren und verstärkten die Sorge um sie und die Unsicherheit. Wenn man schon lange nichts mehr von einem nahestehenden Menschen gehört hatte, wurde die Angst dadurch noch größer.“
Die toten Flugzeuginsassen oder das, was noch von ihnen übrig war, wurden in ihre Heimat überstellt, die Flugzeuge weggeschafft. „Von manchen Opfern wurde nicht einmal die Erkennungsmarke gefunden.“ Von den Verunglückten findet sich keine Eintragung im Sterberegister Kopfings, mit Unterstützung des Schwarzen Kreuzes ist es Klaffenböck gelungen, die Namen der getöteten Flugzeuginsassen herauszufinden, darunter auch den jenes Piloten, der so lange unentdeckt geblieben war: Der Mann hieß Hans Korsiska und war Sudetendeutscher. 1944 bestattete man ihn in seiner Heimat. Im Zuge der Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung wurden seine sterblichen Überreste auf einen Soldatenfriedhof verlegt.

Heute führt ein gut frequentierter Wanderweg an der Gedenkstätte für den lange verschollenen Piloten vorbei. Am 30. Juni fand dort eine Gedenkfeier statt. Auch der 85-Jährige Johann Brunnbauer war da, es habe ihm geholfen, noch einmal an jene Stelle zurückzukehren, die ihn ein Leben lang verfolgt hat, weiß Klaffenböck von dessen Familie: „Es hat ihm viel etwas gegeben, hier gewesen zu sein.“ Mit neuen Infotafeln will der Heimatforscher die Aufmerksamkeit auf die historischen Ereignisse lenken und daran erinnern, dass „Freiheit und Friede nicht selbstverständlich sind“.