Reise in eine dunkle Vergangenheit

Simonischek und Menzel in Zeitgeschichte-Roadmovie „Dolmetscher“

Ungleiches Paar: Jiri Menzel und Peter Simonischek
Ungleiches Paar: Jiri Menzel und Peter Simonischek © ORF/Coop99/Barbora Jancarová/Titanic/InFilm

„Dolmetscher“ ist die berührende Geschichte zweier alter Männer, die die Vergangenheit ihrer Eltern zusammenführt. Peter Simonischek und Jiri Menzel tragen mit ihrer großen darstellerischen Kunst den Film, mit dem Regisseur Martin Sulik ein ruhiges Roadmovie rund um Schuld, Verantwortung und Aufarbeitung geschaffen hat.

„Dolmetsch“ feierte 2018 bei der Berlinale seine Weltpremiere, im ORF ist der Film am Sonntag (ORF 2, 23.05 Uhr) im Rahmen von „Diagonale’20 — Die Unvollendete“ erstmals zu sehen.

Begegnung der Söhne von Opfer und Täter

Der Jude Ali Ungar ist aus der Slowakei nach Wien gereist, um Kurt Graubner zu finden, der als SS-Sturmbannführer im Zweiten Weltkrieg für den Tod seiner Eltern und vieler anderer Menschen verantwortlich war.

Er will sich rächen. Die Tür öffnet ihm aber dessen Sohn Georg, den das Schicksal des alten Mannes zunächst völlig kalt zu lassen scheint. Dann aber engagiert er Ungar spontan, um sich mit ihm in der Slowakei auf Spurensuche zu begeben. Die Reise wird zur Vergangenheitsbewältigung. „Ist der Sohn eines Mörders besser dran als der Sohn eines Opfers?“ fragt Simonischek einmal.

Der österreichische Burgschauspieler und die tschechische Filmlegende sind großartig in den Rollen der beiden Männer. Menzel spielt den pensionierten Übersetzer als ernsten, stillen Mann, der alles sehr genau nimmt und seinen Weggefährten nicht an sich heranlassen will. Man spürt, dass die Last der Geschichte auf seine Schultern drückt. Simonischek macht als ehemaliger Lehrer einen glaubwürdigen Wandel durch.

Zunächst aber stößt er seinen zurückhaltenden Weggefährten immer wieder mit seinem Verhalten vor den Kopf. Daraus ergeben sich auf der Fahrt durch trostlose Gegenden immer wieder humorvolle Szenen, die Begegnungen, die die beiden erleben, bringen sie einander nach und nach näher.

Regisseur Martin Sulik beleuchtet verschiedene Blickwinkel, Emotionen und Positionen, ohne zu werten und ohne Überraschungen. In Zeiten des erstarkenden Nationalismus ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit besonders wichtig und vieles noch nicht aufgearbeitet.

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