Reise ins Ungewisse

Crossing Europe: Eröffnungsfilm „Journey to the Sun“ über österreichische Kinder, die nach dem 2. Weltkrieg nach Portugal verschickt wurden

Die häufig noch sehr jungen Kinder hatten keine Ahnung, was sie erwartet.
Die häufig noch sehr jungen Kinder hatten keine Ahnung, was sie erwartet. © Crossing Europe

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 5000 Kinder aus Österreich nach Portugal verschickt, wo sie aufgepäppelt werden sollten. Der portugiesische Film „Viagem ao sol“ („Journey to the Sun“) von Susanna de Sousa Dias und Ansgar Schaefer erzählt die Ereignisse anhand von Erinnerungen der Mädchen und Buben von damals und ist heute (20 Uhr, Central) einer der Eröffnungsfilme von Crossing Europe — eine berührende Doku, die ganz unterschiedliche Schicksale und Parallelen zu Entwicklungen von heute sichtbar werden lässt.

Zu sehen sind Ausschnitte auf schwarzem Hintergrund, Fotos und Filme in Schwarzweiß: die Kindheit im Krieg, die Reise in ein unbekanntes Land, die Erlebnisse und Erfahrungen dort, schließlich die Rückkehr nach Hause. Die Stimmen der Kinder, heute Menschen fortgeschrittenen Alters, dazu aus dem Off. Erinnerungsstücke, die sich in knapp zwei Stunden zu einem vielfältigen Bild zusammenfügen

Portugal war neutral im Krieg und eine Diktatur, Herrscher Salazar wollte sein Land international salonfähig machen. Die Zusammenarbeit mit der österreichischen Caritas ein Ausdruck davon.

In Portugal kosteten die Kinder Früchte, die sie zuvor nicht gekannt hatten. Viele kamen in herrschaftlichen Häusern unter, bei reichen Familien, wurden in süße Kleider gesteckt, Bedienstete nahmen ihnen alles ab. Andere „Portugal-Kinder“ trafen es nicht so gut. Wie jener Bub, der zehn Monate hinter den Mauern eines Pfarrhofes verbrachte, ohne Ansprache und schlecht versorgt. Der Pfarrer quälte ihn mit Fotos aus den Konzentrationslagern der Deutschen.

Dann die Rückkehr. So manches Kind erlebt wieder eine schmerzhafte Trennung, manche Portugiesen versuchen erfolglos, den liebgewonnenen Schützling zu adoptieren. Eine Dame erinnert sich, dass sie zurück in Wien am morgen mit ihrem Schlafmantel nach unten kam: „,Was bist du für eine Prinzessin geworden?´ Hat meine Mama zu mir gesagt“, erinnert sich die alte Dame heute. „Um dann ein Aschenputtel aus mir zu machen.“ Aus einer Welt aus Angst schickte man die Kinder 1945 auf eine Reise ins Ungewisse, die für manche zur schönsten Zeit ihres Lebens, für andere zu einem weiteren dunklen Kapitel werden sollte. Was Krieg und Vertreibung mit Menschen machen können.

Von Melanie Wagenhofer

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