Rektorin Hütter: „Die Kunstfächer müssen außer Streit stehen“

Rektorin Brigitte Hütter zieht Bilanz über ihre ersten zwölf Monate an der Linzer Kunstuniversität

Kunstuni-Rektorin Brigitte Hütter
Kunstuni-Rektorin Brigitte Hütter © vog.photo

Vor etwas mehr als einem Jahr hat Brigitte Hütter ihr Amt als Rektorin der Linzer Kunstuniversität angetreten und sich von Corona nicht wirklich ausbremsen lassen.

Die gebürtige Innviertlerin über den aktuellen Lehrbetrieb, die geplante neue Technische Universität in Linz und die steigende Zahl an Interessenten für einen Studienplatz in ihrem Haus.

VOLKSBLATT: Sie sind jetzt ein Jahr Rektorin der Linzer Kunstuniversität. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

BRIGITTE HÜTTER: Wir haben als Rektorat vieles gleich am Anfang umgestellt, etwa eine neue Website gemacht, jetzt haben wir eine strategische Planung abgeschlossen, Professoren neu berufen, neue Angebote gesetzt. Und dann ist im März Corona gekommen…

Wie hat sich Corona auf das vergangene Studienjahr ausgewirkt — und wie ist die Situation aktuell?

Zwei Monate gab es keinen Betrieb an der Uni. Wir arbeiten in der Kunst in Ateliers, Werkstätten, Studios — da geht vieles übers Internet nicht. Da haben wir gelernt, wie wichtig es ist, vor Ort sein zu können, für den künstlerischen Austausch, aber auch für das Uni-Gefüge. Wir haben im Mai wieder aufgesperrt und im Sommer viel Lehre nachgeholt. Seit Oktober arbeiten wir in kleinen Gruppen, haben spezielle Konzepte erstellt. Wir haben die Ateliers sieben Tage rund um die Uhr offen. So lange wie möglich, so viel Betrieb wie möglich, ist unser Motto.

Wie vermitteln Sie Ihren Absolventen in der Corona-Zeit Optimismus für die Zukunft?

Junge Leute, die sich für so ein Fach entscheiden, bringen eine Grundmotivation mit: Ein Kunststudium wählt man nicht, weil einem sonst nichts einfällt. Das ist eine sehr bewusste Entscheidung. Aber es ist auch wichtig, die Realitäten zu zeigen und zu sagen: Einfach ist es nicht. Außerdem begreifen wir unsere Studenten von Anfang an als Künstler.

Wie entwickeln sich die Studierendenzahlen?

Erfreulich! Wir hatten ja im Sommersemester keine Möglichkeit von Veranstaltungen für Interessierte. Deshalb haben wir eine Social media-Kampagne gestartet, das hat gemeinsam mit der neuen Website dazu geführt, dass wir 26 Prozent mehr Bewerber hatten.

Welche Fächer sind besonders begehrt?

Wir haben guten Zulauf in allen Bereichen. Die Architektur ist sehr gewachsen, Fashion & Technology, aber auch alle künstlerischen Fächer, die Design-Fächer und die Medien.

Was ist Ihre Meinung zur geplanten Errichtung einer Technischen Universität in Linz?

Das ist eine Investition, die für den Standort ein Meilenstein sein kann und eine Chance. Man kann Digitalisierung sehr breit denken, die Kombi mit Kreativfächern ist da sehr spannend: Ich sehe da total viele Kooperationsmöglichkeiten. Die neue TU muss aber auf jeden Fall etwas international Hochkarätiges und Sichtbares werden, sonst kriegen wir unter dem Titel Digitalisierung keine zusätzlichen Studenten an den Standort Linz.

Sie fordern in diesem Zusammenhang gemeinsam mit den anderen Rektoren von Kunstuniversitäten Investitionen im gleichen Umfang wie jene für die neue Technische Universität. Ist das richtig?

Das letzte Mal sind die Mittel dorthin gegangen, wo es eine große Zahl an Studierenden gab, um die Betreuungsverhältnisse zu verbessern. Man darf aber nicht die Bereiche, die jetzt schon Exzellenz liefern im österreichischen Unigetriebe — und das sind die Kunstunis — nicht nur vor sich hin werken lassen. Bei uns geht es auch um Dinge wie Nachhaltigkeit: Man kann Mode nicht kritisch denken, wenn man nicht auch den Modebetrieb und den Entstehungsprozess von Textilien kennt. Das ist schon etwas, wofür Kunstunis stehen müssen und dann muss halt auch die Dotierung passen.

Sie sprachen zu Beginn Ihres Rektorates davon, mehr nationale und internationale Kontakte für Ihre Universität anstreben zu wollen …

Wir haben jetzt mit 57 Studierenden, die an einer Partneruni studiert haben, oder von einer Partneruni zu uns nach Linz kamen, trotz Corona tatsächlich gar nicht so schlechte Zahlen bei Ingoing und Outgoing. Und wir haben 38 Prozent internationale Studierende bei uns und jetzt die Doktorandenverträge mit Zürich und Basel auf neue Beine gestellt. Einen neuen Kooperationsvertrag haben wir mit der Technisch-Naturwissenchaftlichen Universität Norwegen in Trondheim.

Was machen Sie, um nach außen sichtbarer zu werden?

Wir hatten heuer einen so großen Auftritt bei Ars Electronica wie noch nie, unser Fassadenwettbwerb läuft gerade und für die Stadt ein Plakatwettbewerb.

Der Direktor der Landeskultur GmbH, Alfred Weidinger, hat in letzter Zeit sehr viel Neues angeregt und auch umgesetzt. Wäre eine Zusammenarbeit für Sie vorstellbar?

Wir sind in sehr vielfältigem Kontakt, die Themen reichen von Kulturvermittlung bis zu Ausstellungsformaten. Die Kooperation, die jetzt schon da ist über die Kulturtankstelle, wird forciert werden. Und es gibt schon lange das Thema Denkmal der Widerstandskämpferinnen, da zeichnet sich eine Zusammenarbeit ab. Wir sind auch mit dem Brucknerhaus, dem Lentos, dem Valie Export Center, dem Ursulinenhof und dem Bruckner Orchester in Kontakt, Stichwort: Brucknerjahr. Der Standort vernetzt sich gut — langsam, aber sicher. Corona bremst jetzt auch.

Was ist Ihre Vision für den Kunstbereich?

Die Kunstfächer müssen nicht hinterfragt werden, sondern völlig außer Streit stehen, und zwar zweckfrei. Es braucht die bildende zeitgenössische Kunst, die auch immer in die Zukunft geht. Dazu noch das Kritische der Kunst, das von hohem Stellenwert sein muss. Kunst ist und muss immer Experiment und Utopie sein.

Sie bieten seit vergangenem Semester einen postgradualen Lehrgang für Architekten an. Gibt es noch mehr Bestrebungen, Fortbildungen nach Abschluss des Studiums anzubieten?

Es kommt auf das Fach an und da ist gerade die Architektur prädestiniert. Es gibt viele gut ausgebildete Architekten, die aber auch zum Thema nachhaltiges Bauen – unser Lehrgang Basehabitat — oder auch Holzbau, den wir ebenfalls postgradual anbieten, die wollen sich da weiterentwickeln. Nachhaltiges Bauen wird uns noch sehr beschäftigen, schließlich ist Beton einer der ganz großen Klimakiller.

Sind Ihnen als Frau in einer Spitzenposition auch Ihre Geschlechtsgenossinnen ein besonderes Anliegen?

Ja, insoferne, als ich sehe, dass immer noch Ungleichheit existiert und das Thema Vereinbarkeit sehr stark frauendominiert ist. Ich glaube, man ist als Frau in so einer Position auch sichtbarer, weil es noch nicht so viele gibt. Und das muss einem bewusst sein.

Mit Rektorin BRIGITTE HÜTTER sprach Melanie Wagenhofer

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