Rentier mit Herz und Stäbchen

Mika Kaurismäki setzt mit „Master Cheng in Pohjanjok“ aufs Wohlfühlen

Würstel sind das Gemüse Finnlands. Und dazu gibt es Kartoffel, bevorzugt in zermatschter Form. Soviel zur kulinarischen Kultur im hohen Norden. Aber vielleicht übertreibt Regisseur Mika Kaurismäki in seinem neuen Streifen „Master Cheng in Pohjanjok“ auch ein bisschen, immerhin gibt es ja auch Fisch und Rentier.

Aber auch diese beiden landestypischen Spezialitäten kann man anders, sagen wir mal mit etwas feinerer Klinge zubereiten als die Finnen. Für mich hat einmal ein Finne Rentier zubereitet: Er schmiss es in eine Pfanne und goss eine Flasche Bier darüber …

Master Cheng macht das freilich ganz anders. Mit Stäbchen, mehr Gewürz und mehr Herz. Damit gewinnt er auch selbiges, nicht nur von der Wirtin, in deren Küche er die chinesischen Köstlichkeiten zubereitet, sondern auch die der Bewohner des kleinen Örtchens im wunderschönen Nichts von Lappland. Die erfreut er mit dem außergewöhnlichen Geschmack, und er heilt sie auch gleich von allerlei Wehwehchen. TCM eben, also Traditionelle Chinesische Medizin. Da können Würstel und Erdäpfelpüree nicht mithalten.

Aber wie kommt nun ein chinesischer Koch in die finnische Einöde? Wie einst Pippi Langstrumpf in den schwedischen Sumpf. Sowohl Master Cheng als auch Pippi waren auf der Suche nach etwas Wichtigem: Pippi nach einem Spunk, Cheng nach einem Fongtron. Mit beiden konnte keiner was anfangen. Das eine stellte sich als pure Fantasie heraus, das andere als falsch ausgesprochener Name.

Ein „Feel-good-movie“, kein Acht-Gänge-Menü

Aber das spielt schnell alles keine Rolle mehr, denn was Kaurismäki — der der Bruder von Aki Kaurismäki ist, der 2017 den Silbernen Bären bei der Berlinale gewonnen hat — uns erzählen will, ist die Geschichte von zwei Menschen, die sich am Ende der Welt einfach finden. Und genau das tut er. „Feel-good-movie“ist für Kaurismäki, der sich mit „Master Cheng in Pohjanjok“ genretechnisch in ganz neue Gefilde begibt, kein Schimpfwort, im Gegenteil — genau das möchte er bewirken, dass sich die Kinobesucher nach seinem Film besser fühlen. Da das schon viele vor ihm gewollt haben, ist vieles auch so schon einmal erzählt worden und kommt allzu bekannt vor. Dem Genuss, sich einem Film hinzugeben, der gar nicht mehr sein will, als die Story rund um eine Begegnung zweier Menschen, die beide Verluste aufzuarbeiten haben, und das mit einer Handvoll liebenswerter Sonderlinge tun, tut dies keinen Abbruch. Ein Film wie eine gut bekömmliche leichte Kost: kein Würsteleintopf, aber auch kein exquisites Acht-Gänge-Menü.

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