„Riechen ist Bodybuilding fürs Gehirn“

Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass der Mensch schon im Mutterleib unterschiedliche Gerüche wahrnehmen kann, abhängig davon, was die werdende Mutter isst. Mit dem Geruchssinn kommt der Mensch auf diese Welt, in der es in unendlich vielen Varianten duftet bis stinkt.

Es ist nun durchaus überraschend, dass die Medizin erst seit vergleichsweise kurzer Zeit eine Vorstellung davon hat, wie im Gehirn Riechreize verarbeitet werden. In diesem Zusammenhang erhielten 2004 zwei amerikanische Forscher den Medizin-Nobelpreis.

Heute arbeiten weltweit rund 20 Forschergruppen daran, den Geruchs- und auch den Geschmackssinn besser zu verstehen. Vor allem geht es darum, welche Regionen des Gehirns beim Riechen besonders aktiv sind.

Jahrelanges Riechtraining

Über neueste Studien in diesem Zusammenhang berichtet jetzt der in Südtirol geborene und derzeit in Kanada forschende Mediziner und Geruchsspezialist Johannes Frasnelli in dem Buch „Wir riechen besser, als wir denken“. Vor allem ging es um die Frage, ob jahrelanges intensives „Riechtraining“ Auswirkungen auf das Gehirn hat. Um es vorweg zu nehmen: Es hat!

Grundlage einer Studie waren sogenannte „Master Sommeliers“ aus Las Vegas, also Leute, die von Berufs wegen zur Beurteilung der Weine auch ihre Nase intensiv einsetzen mussten. In einem ersten Schritt bestätigte sich alsbald, dass die Sommeliers auch besser riechen konnten als die Teilnehmer einer Vergleichsgruppe. In der Folge wurde mit einem sogenannten Magnetresonanzscanner gemessen, wie das Gehirn auf bestimmte Riechaufgaben reagiert.

Erste Erkenntnis, so berichtet Frasnelli: „Wenn die Sommeliers im Scanner den Geruch von Weinen rochen und sie als Rotwein oder Weißwein klassifizierten, waren mehr Gehirnregionen aktiviert als bei den Vergleichsprobanden, vor allem die Areale, in denen Riechreize verarbeitet werden“.

Hirnrinde wird „dicker“

Johannes Frasnelli, Wir riechen besser, als wir denken. Molden Verlag, 2019, 175 Seiten, € 23.

Und die genaue Analyse führte die Forscher zu der Schlussfolgerung: „Alles deutete also darauf hin, dass Riechexperten durch ständiges Training ihr Gehirn verändern und dadurch auch besser werden“. Die Hirnrinde werde, so die Forscher, in jenen Bereichen, die einerseits für das Riechen und andererseits für das Gedächtnis zuständig sind, immer „dicker“.

Das Gehirn werde also bei den Riechexperten nachhaltig verändert.
Das zeigte sich – wenn auch nicht in solchem Ausmaß wie bei den Sommeliers, die jahrelang „trainiert“ hatten – auch bei den Teilnehmern einer weiteren Versuchsgruppe, die sieben Wochen lang jeden Tag 20 Minuten ihren Geruchssinn trainiert hatten.

Was den Zusammenhang von Riechtraining und Gedächtnis anlangt, stehe man noch ziemlich am Anfang der Forschung, viele Studien seien noch erforderlich, schreibt Frasnelli, aber jedenfalls zeichne sich deutlich ab: „Riechen ist Bodybuilding fürs Gehirn“.

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