Rosenkrieg auf zwei Klavieren?

Premiere von Schoecks „Penthesilea“ im Linzer Musiktheater begeistert aufgenommen

Die Premier der Schoeck-Oper „Penthesilea“ im Linzer Musiktheater wurde begeistert gefeiert. Im Bild Dshamilja Kaiser in der Hauptrolle als Amazonenkönigin.
Die Premier der Schoeck-Oper „Penthesilea“ im Linzer Musiktheater wurde begeistert gefeiert. Im Bild Dshamilja Kaiser in der Hauptrolle als Amazonenkönigin. © Reinhard Winkler

Von Paul Stepanek

Als einen Höhepunkt im Jahresmotto „Welt aus den Fugen“ präsentierte das Linzer Musiktheater am 2. März die Premiere der Oper „Penthesilea“ von Othmar Schoeck, die auf dem gleichnamigen Drama Heinrich v. Kleists fußt. Höhepunkt in vieler Hinsicht: Extravagante Musik, im Wortsinn „abgehobene“ Inszenierungsideen und herausragende solistische und orchestrale Leistungen verknüpfen sich zu einem spannenden wie emotional aufgeladenen, aber auch irritierend- verstörenden Bühnenerlebnis. Regisseur Peter Konwitschny und Bühnenbildner Johannes Leiacker setzen die Handlung der 1927 entstandenen Oper gekonnt nicht nur in die Gegenwart, sondern auch räumlich zentral auf einen Bühnenvorbau, der von Zuschauern umringt ist; als „Requisiten“ dienen viele Rosen, zwei Pistolen und zwei Konzertflügel, die, aus der Partitur Schoecks stammend, vieldeutig „bespielt“ werden. In diesem Rahmen entwickelt sich das Drama einerseits als Fiktion einer Fiktion, andrerseits aber in sehr körperlich-direkter Weise.

Eine Parabel auf den „Geschlechterkampf“

Denn die Geschichte des mythischen Feldherrn Achill, der im trojanischen Krieg die Amazonenkönigin Penthesilea besiegt und sich in die Tote verliebt, wird schon von Kleist weitergesponnen und umgedreht zu einem letalen Ende geführt. Die bereits manipulierte Sage erwacht nun im Heute und lässt sich – oberflächlich – als Parabel auf „Geschlechterkampf“ deuten. Die Gesamtkonstruktion von Stoff und Inszenierung ist aber weit vielschichtiger: Sie kann nicht einfach auf einen erotischen Machtkampf (Zu mir oder zu dir?), der nach einem veritablen „Rosenkrieg“ blutig endet, reduziert werden.

In der Tragödie spiegelt sich auch das Bild einer Gesellschaft, die dem Einzelnen Rollenbilder aufzwingt, aber keine Verantwortung für die Folgen übernimmt und die Geschädigten auch noch an den Pranger stellt.

Eine bewundernswerte Leistung

Die expressive, facettenreiche Musik Schoecks führt ein Eigenleben. Sie „begleitet“ die Protagonisten nicht, sondern lebt Emotionen und Konflikte sozusagen unmittelbar. Der Gegensatz zwischen der gestelzt-antikisierenden Sprache Kleists und der „modernen“ Gegenwart unterstreicht Spannung und Illusion noch zusätzlich. Das Schlussbild, in dem Penthesilea plötzlich als Sängerin in Konzertrobe auftritt und massiven Vorwürfen ausgesetzt ist, wirkt zunächst dramaturgisch aufgesetzt. Eine kleine Geste – der „unterlegene“ Achill bringt ihr devot das Notenpult – lässt aber eine weitere Deutungsmöglichkeit aufblitzen: Handelt es sich gar um einen Konkurrenz- und Liebeskampf zweier Sängerstars, der von giftigen Einflussnahmen der Branche und ihren selbsternannten „Richtern“ begleitet wird? Wie auch immer, die Gestalter des Abends vollbringen eine bewundernswerte Leistung: Allen voran Dshamilja Kaiser als in Singen und Spiel herausragende Penthesilea und „Achill“ Martin Achrainer, ein ihr ebenbürtiger Partner. Julia Borchert und Katherine Lerner glänzen als Amazonen ebenso wie Vaida Raginskyte und Gotho Griesmeier als strenge Priesterinnen. Matthäus Schmidlechner und Domen Fajfar füllen ihre Rollen als Kampfgefährten Achills aus; Andrea Szewieczek und Elias Gillesberger fügen sich als „stumme Bühnenpianisten“ sehr beachtlich in das Ensemble ein.

Orchester und Dirigent agieren akrobatisch

Chor und Extrachor des Landestheaters, einstudiert von Elena Pierini und Martin Zeller, haben, vermischt mit „Publikum“, ungewöhnlich aufwendige szenische Aufgaben zu erfüllen und bewältigen sie eindrucksvoll. Das Bruckner Orchester in Schoecks eigenwilliger Besetzung und Dirigent Leslie Suganandarajah agieren unter schwierigsten Bedingungen geradezu akrobatisch. Anhaltender Beifall für alle, Jubel für das Protagonistenpaar, Orchester und den Dirigenten.