Rückkehr einer Ikone: Neue Nationalgalerie in Berlin saniert

Berlin hat eine international gefeierte Ikone zurück. Mit der Neuen Nationalgalerie wird eines der markantesten Bauwerke der deutschen Hauptstadt wieder Teil des Kulturbetriebs. Nach zehn Jahren Schließung des von Architekt Ludwig Mies van der Rohe Ende der 60er Jahre erbauten Kultobjekts und nach gut fünf Jahren komplizierter Sanierung gibt das Team um Stararchitekt David Chipperfield am Donnerstag die Schlüsselgewalt zurück in die Hände der Staatlichen Museen.

Die Neue Nationalgalerie gliedert sich in zwei Bereiche: unter dem quadratischen Flachdach mit 65 Meter langen Seiten erstreckt sich die enorme offene Halle, begrenzt nur von acht Meter hohen Glaswänden. Das deutlich gedrungenere, loungeartige Basement ist neben den Funktionsbereichen in kleinere Ausstellungsräume unterteilt, daran schließt sich der Skulpturengarten an.

„Im Schaffen von Mies ist es ein sehr wichtiges Projekt“, sagte der Brite Chipperfield der dpa in Berlin. Der Bau sei der wohl bedeutendste des Architekten in Europa und eines der besten Beispiele seiner Arbeit überhaupt. Für Chipperfield, der die Berliner Museenlandschaft bereits mit dem spektakulären Wiederaufbau des Neuen Museums oder der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel markiert hat, galt es bei der Neuen Nationalgalerie, Mies nicht zu übertrumpfen. „Die Herausforderung war, das Gebäude in der Intention des Architekten zu sanieren.“

Hinter der 140 Millionen Euro teuren Grundinstandsetzung verbirgt sich zunächst ein destruktiver Akt. Unter dem mächtigen Dach musste alles demontiert werden, etwa 35.000 Teile wurden zwischengelagert. Chipperfield nennt es „eine merkwürdige Erfahrung, ein Gebäude von solch unantastbarer Autorität zu zerlegen“.

Der alte Bau musste wieder ein nutzbares Museum werden. Die Konstruktion von Mies ist zwar eine Augenweide, wurde aber über die Jahrzehnte zunehmend verkehrsunsicher. So gab es etwa Bruch an den enormen Flächen in Einfachverglasung. Die Fenster sind derart groß, dass dafür nur in China ein Glasproduzent gefunden werden konnte.

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Die klare, pure Linie der Halle ist erhalten. „Wir haben das Gebäude auf das reduziert, was es sein wollte“, sagt Chipperfield. „Unsere Arbeit konnte nur auffallen, wenn wir einen Fehler machen. Also sind wir hoffentlich unsichtbar.“ Neue Errungenschaften verbergen sich, etwa die Klimatechnik: Auch die gläserne Halle erfüllt nun auf fast der gesamten Fläche technische Standards für die Präsentation selbst hoch empfindlicher Kunstwerke.

An wenigen Stellen im Basement sind Änderungen sichtbar. Die Neue Nationalgalerie benötigte mehr Nutzflächen für Garderobe, Café oder Museumsshop. Chipperfield schuf unter der Terrasse ein neues Depot für die Kunstwerke. So konnte die Garderobe im ehemaligen Gemäldedepot entstehen, der Shop rückte in das alte Skulpturendepot. Hier ist die neue Handschrift mit den nun freigelegten Deckenwaben und offenen Betonträgern zu erkennen. „In der Garderobe und im Buchshop passte es gut, einiges von der Struktur des Gebäudes in den Vordergrund zu holen“, erläutert Chipperfield. „Es ging nicht darum, unsere Spuren zu zeigen, sondern mehr vom Original freizulegen.“

Die große Überraschung im Basement ist nicht neu, funktioniert aber auch noch nach Jahrzehnten. Die Neue Nationalgalerie ist eines von weltweit vielleicht einer Handvoll Museen mit Teppichboden. Der Eindruck in diesen Räumen schwankt zwischen Wohnzimmer und Lounge.

Klassische Moderne wird ein Schwerpunkt sein bei der Wiedereröffnung im August. „Wir zeigen die Rückkehr der Sammlung. Das ist ganz wichtig, sie war lange nicht zu sehen.“ Die große Halle werden Werke des US-amerikanischen Künstlers Alexander Calder (1898-1976) beherrschen. „Wir haben jetzt sehr viel Geld ausgegeben, um hier eine amerikanische Moderne zu rekonstruieren“, sagt Jäger. „Da macht es Sinn, auch jemanden zu zeigen, der dazu passt, der das nicht konterkariert.“ Calder mit seinen runden Formen und der spielerischen Leichtigkeit sei „der ideale Kandidat“ für eine Ausstellung mit besonderer Raumerfahrung.

Apropos Raumerfahrung: direkt neben der Neuen Nationalgalerie entsteht als 450 Millionen teures Schwesterhaus das umstrittene Museum des 20. Jahrhunderts der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, die auch die Elbphilharmonie in Hamburg, das Olympiastadion in Peking und die Allianz Arena in München gebaut haben. Unterirdisch sollen beide Gebäude verbunden werden.

Die neue Nachbarschaft neben der Architekturikone wird je nach Funktion unterschiedlich bewertet. Jäger kann sich vorstellen, dass der Mies-Bau „langfristig kleiner wirken wird“, aber eben „auch besonders cool ist und aus einem anderen Jahrhundert winkt.“ Chipperfield hat höchsten Respekt vor den Architekturkollegen, ist aber skeptisch. „Wir werden sehen, was passiert“, sagt er, „es ist hoffentlich weit genug weg.“

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