Rückkehr ins normale Leben

Premiere auf Schloss Tillysburg: „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler

Faszinierend in derRolle des Leutnant Gustl: Aaron Karl. In der Verfilmung von Schnitzlers Novelle „Spiel im Morgengrauen“von Götz Spielmann gab Vater Fritz Karl 2001 beeindruckend den Leutnant Wilhelm Kasda.
Faszinierend in derRolle des Leutnant Gustl: Aaron Karl. In der Verfilmung von Schnitzlers Novelle „Spiel im Morgengrauen“von Götz Spielmann gab Vater Fritz Karl 2001 beeindruckend den Leutnant Wilhelm Kasda. © Lisa Furtner

Angst, seiner Gesellschaft nicht mehr zu entsprechen, sich zu blamieren und die vergebliche Sehnsucht nach Anerkennung treiben einen jungen Menschen bis zum Selbstmord. Nein, es geht nicht um soziale Medien.

Arthur Schnitzler (1862–1931) analysiert die Society um 1900. Inspiriert von den Schriften seines Zeitgenossen Sigmund Freud, schrieb er die Novelle „Leutnant Gustl“ als inneren Monolog eines jungen Offiziers.

Einblick in die Gedanken eines Antihelden

In der Bühnenbearbeitung von Nikolaus Büchel feierte „Leutnant Gustl“ am Samstag auf Schloss Tillysburg Premiere. Aaron Karl (Sohn von Fritz Karl) gibt einen tiefen Einblick in die Gedanken des Antihelden in der überkommenen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg.

Gustl langweilt sich im Konzertsaal, seine Gedanken kreisen um Dienst, Antisemitismus und ums Heiraten. „So ein hübsches Weiberl vorrätig haben, wär’ schon was“. Ein Bäckermeister nennt den an der Garderobe drängelnden Offizier „dummer Bub“. Diese Beleidigung darf er als Leutnant nicht auf sich sitzen lassen, doch mit einem Bäcker kann er sich nicht standesgemäß duellieren. Bleibt nur Selbstmord. Gustls Gedanken jagen ungefiltert durch den 80-minütigen Monolog. Beim Blick auf den eigenen Tod gehen dem Leutnant die Standardsprüche ums ehrenvolle Sterben aus.

„Ich bin ganz ruhig“ sagt er und rennt. Verdrängen oder Hingabe an einen Selbstmordrausch? Was, wenn es mit dem Erschießen nicht klappt? Hat er bei seinen Pantscherln mit süßen Mädeln und verheirateten Damen am End was versäumt? Ob er den anderen abgehen wird? Ist es genug, wenn ein Leben aus Dienst, Weibern und Kartenspielen besteht? Ja, und was weiß er eigentlich von sich selber? Am Ende zieht es ihn wider soldatische Gepflogenheit sogar heimlich in die Kirche. Schlaflos treibt er sich durchs nächtliche Wien seinem geplanten Tod um sieben Uhr entgegen. Verzweifelte Einsichten drängen ins Bewusstsein. Im Morgengrauen rappelt er sich von einer Parkbank hoch, ein letztes Mal strafft er seine Haltung und geht auf eine letzte Melange in sein Stammlokal.

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Der kurze Auftritt von Nikolaus Büchel als Oberkellner bringt die Wendung. Der Bäckermeister sei nächtens an einem Schlaganfall gestorben, plaudert er. Der junge Leutnant kann sein Glück kaum fassen. Unverzüglich nimmt er sein festgefahrenes Leben wieder auf. Nach der noch kühlen Anfangssequenz spielt Karl sich warm, Redensarten, Banalitäten und Tratsch strömen aus ihm heraus, während sich in Mimik und Haltung zunehmend Angst und Grauen ausbreiten. Umsonst bemüht er sich um sein gewohnt blasiertes Gehabe, Schicht für Schicht demontiert er sich selber.

Schauspielerisches Glanzleistung

Regisseurin Lisa Wildmann spart mit großen Ausbrüchen, Abgründe tun sich still und umso heftiger auf. Eine schauspielerische Glanzleistung. Die Fassade von Schloss Tillysburg passt perfekt als Bühnenbild. Reglos das Publikum, da und dort ein kleiner Lacher, am Schluss großer Applaus.

Termine: 7., 13. und 15.8.2020

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