Rundblick über ein Künstlerleben

Albertina: Hommage an Arnulf Rainer zum 90er

Arnulf Rainer, Face Farces: Farbstreifen, 1972
Arnulf Rainer, Face Farces: Farbstreifen, 1972 © Arnulf Rainer

Von Renate Wagner

Der Besucher der Albertina, der so viel nebeneinander geboten bekommt (derzeit etwa auch die große Dürer-Ausstellung), kann, wenn er seinen Blick auf die klassische Moderne Österreichs lenkt, auch eine biografische Pointe wahrnehmen. Sie bezieht sich darauf, dass der damals knapp 20-jährige Arnulf Rainer in der Nachkriegszeit nach Kärnten kam und dort Maria Lassnig kennenlernen. Sie war zehn Jahre älter, aber die beiden aufstrebenden Künstler verband viel. Sie wurden ein Paar — und trennten sich nach sieben Jahren wieder: Die Konkurrenz der Persönlichkeiten war zu groß. Sie ging nach Paris, er ging nach Wien, beide wurden weltberühmt.

Und heute, in der Albertina, sind sie wieder vereint: Klaus Albrecht Schröder hat Maria Lassnig eine Großausstellung zu ihrem 100. Geburtstag ausgerichtet. Die zum 90er von Arnulf Rainer — zu sehen bis 19. Jänner 2020 — ist nicht ganz so groß, aber wichtig in ihrer Übersichtlichkeit. Beide haben übrigens dem Haus reiche Schenkungen gemacht — Schröder ist ein Meister darin, bildenden Künstlern quasi ein Heim zu bieten …

Aus jeder Periode das Allerbeste

Arnulf Rainer, geboren am 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien (seine kleine Heimatstadt hat ihm längst ein eigenes Museum eingerichtet), ist für seine „Übermalungen“ berühmt geworden — wohl auch, weil sie viel Widerstand und Feindseligkeiten hervorgerufen haben, weil sie oft als bewusste Zerstörung von Vorlagen interpretiert wurden. Gerade solche Urteile schmerzen Rainer besonders: Wenn er sich daran macht, ein Kunstwerk zu übermalen, sagt er, ist das erstens ein Akt der höchsten Bewunderung und zweiten absolut keine Willkür, sondern hoch überlegter Umgang mit der Vorlage.

Aber wie immer, wenn man Künstler ihrer Erkennbarkeit wegen auf ein Klischee festlegt, erzählt es ja nur einen Bruchteil über die Persönlichkeit. Die Wiener Ausstellung in der Basteihalle der Albertina umfasst „nur“ drei Räume, zeigt „nur“ an die 40 ausgewählte Werke (allerdings meist großformatig), aber Kuratorin Antonia Hoerschelmann hat dafür gesorgt, für jede Schaffensperiode das Allerbeste auszuwählen und einen Überblick über die vielen Stadien des Arnulf Rainer zu bieten.

Von Schwarz zu Bunt — er hat Schwarz immer wieder in das Zentrum seines Werks gestellt, aber erblickt man daneben die „Schleierbilder“ in wunderschönen, verfließenden Farben, so ist klar, dass man Rainer nicht auf Düsternis festlegen kann. Auch nicht auf Zerstörung, wenngleich er — die Wiener Aktionisten waren seine Zeitgenossen — auch den eigenen Körper hernahm, um ihn übermalend zu hinterfragen. In jenem Raum, zu dem einige Stufen hinunterführen und den man „Kapelle“ nennt, trifft sich Rainer geistig mit Hermann Nitsch, wenn dort seine Kreuze und angedeuteten Messgewänder gezeigt werden, aber nie im Sinn prunkvoller Zeremonien, sondern gewissermaßen in der Attitüde der Nachdenklichkeit.

Die Wandlungen eines Erstaunlichen

So durchwandert man zu arnulf Rainers Neunziger in der Albertina sein Künstlerleben gewissermaßen im Zeitraffer, eine faszinierende Übersicht über die Wandlungen eines Erstaunlichen.

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