Russen-Aufmarsch in Nordsyrien

USA: Mehr als 100 IS-Dschihadisten bei türkischer Offensive aus Haft entkommen

Russen-Konvoi auf dem Weg in die Kurdenstadt Kobane.
Russen-Konvoi auf dem Weg in die Kurdenstadt Kobane. © AFP

Nachdem sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Vortag mit Kremlchef Wladimir Putin auf die gemeinsame Kontrolle eines Grenzstreifens in Nordsyrien geeinigt hatte, rückten schon gestern russische Einheiten in die Gebiete vor.

Russische Militärpolizisten erreichten zu Mittag mit vier Fahrzeugen die Grenzstadt Kobane und bewegten sich in Richtung des Grenzübergangs. Die kurdische Miliz YPG hatte die islamistische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Frühjahr 2015 aus Kobane vertrieben. In der vergangenen Woche verließen die bisher mit den Kurden verbündeten US-Truppen ihren dortigen Stützpunkt.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow vergoss zwar gestern Krokodilstränen für die „von den USA fallen gelassene und praktisch betrogene“ YPG, drohte der Miliz aber unmissverständlich. Sollte sie nicht aus den Gebieten abziehen, würden sich zwar die syrische Grenzwächter und die russische Militärpolizei zurückziehen, „die verbleibenden kurdischen Formationen werden dann aber von der türkischen Armee in der Tat zermalmt“.

US-Präsident Donald Trump hatte Anfang Oktober auch zum Entsetzen vieler Republikaner den Abzug der US-Truppen aus dem Norden Syriens angekündigt. Die Türkei erhielt dadurch die Möglichkeit zu einer militärischen Offensive, die Trump dann aber kritisierte und mit Sanktionen belegte — die er gestern Abend wieder aufhob.

USA wissen nicht, wohin IS-Kämpfer flüchteten

Mehr als hundert IS-Mitglieder sind während der türkischen Großoffensive in Nordsyrien aus der Haft entkommen. Die USA hätten aber keine Kenntnisse darüber, wo sich diese Dschihadisten jetzt aufhielten, sagte der US-Syriengesandte James Jeffrey am Mittwoch während einer Anhörung im Repräsentantenhaus in Washington. Trump hatte kurz zuvor erklärt, die inhaftierten IS-Mitglieder würden weiterhin sicher festgehalten.

Moskau gegen Schutzzonen-Idee

Russland lehnt den Vorschlag der deutschen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer für eine international überwachte Schutzzone in Nord-Syrien ab. Moskau sehe dafür keine Notwendigkeit, berichtete die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti am Mittwoch unter Berufung auf das russische Verteidigungsministerium.

Die CDU-Chefin hatte eine Sicherheitszone mit UNO-Mandat vorgeschlagen, um den Kampf gegen die IS-Miliz zu forcieren und die Rückkehr der von der türkischen Armee vertriebenen Flüchtlinge zu ermöglichen.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg äußerte sich gestern positiv zu dem Vorschlag. Auch Vertreter syrischer Kurden begrüßten die Initiative. In Frankreich wurde sie dagegen mit Skepsis aufgenommen. Der Vorschlag sei zwar sicherlich „gut gemeint“, aber nicht mit den Partnern abgestimmt und passe nicht zu den „Dynamiken“ vor Ort, hieß es in Paris. Auch die SPD blieb auf Distanz zum Koalitionspartner: Außenminister Heiko Maas meinte, der Vorschlag habe „eine gewisse Irritation bei unseren Partnern“ ausgelöst.

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