Russland bereitet Offensive im Osten der Ukraine vor

Russische Truppen wollen Angaben aus Kiew zufolge mit einer bevorstehenden Offensive bis an die Verwaltungsgrenzen des ostukrainischen Gebiets Donezk vordringen. Russland werde versuchen, die bereits heftig umkämpfte Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer sowie Popasna im Gebiet Luhansk einzunehmen, teilte der ukrainische Generalstab Dienstag früh mit. Unterdessen prüft die Ukraine Berichte über einen möglichen Einsatz von Chemiewaffen beim Kampf um Mariupol.

Derzeit seien die Russen dabei, ihre Truppenverlegung in die grenznahen russischen Gebiete Belgorod und Woronesch abzuschließen. In der Nacht beschossen russische Streitkräfte nach eigenen Angaben 32 militärische Objekte in der Ukraine. Dabei seien unter anderem ein Luftabwehrraketensystem vom Typ Buk-M1 sowie ein Munitionslager und eine Flugzeughalle mit ukrainischer Luftwaffentechnik zerstört worden, teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, mit.

Der deutsche Militärexperte Carlo Masala erwartet nach Ostern einen russischen Großangriff im Osten der Ukraine. Die Verstärkung und Umgruppierung der russischen Truppen werde bald abgeschlossen sein, sagte der Politikprofessor im „stern“-Podcast „Ukraine – die Lage“. Der Beginn des Angriffs hänge von vielen Faktoren ab, bis hin zum Wetter.

In der fast zerstörten Stadt Mariupol hatte das ukrainische Asow-Regiment in der Nacht von einem angeblichen Angriff mit einer chemischen Substanz berichtet. Die Angaben des von Experten als nationalistisch und rechtsextrem eingestuften Regiments wurden zunächst von ukrainischer Seite nicht bestätigt.

Pro-russische Separatisten wiesen den Vorwurf ukrainischer Kämpfer zurück, sie hätten einen Giftgasangriff in Mariupol ausgeführt. „Die Streitkräfte der Donezker Volksrepublik haben in Mariupol keine chemischen Waffen eingesetzt“, sagte Eduard Bassurin, ein Sprecher der Donezker Separatisten, laut Interfax. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht.

Die Ukraine prüft unbestätigte Informationen über den möglichen Einsatz von Chemiewaffen. „Nach vorläufigen Angaben gibt es die Annahme, dass es wohl Phosphorkampfmittel waren“, sagte die stellvertretende Verteidigungsministerin Hanna Maljar im ukrainischen Fernsehen. Endgültige Schlussfolgerungen könne es erst später geben. Welche Kampfmittel genau zum Einsatz gekommen sein sollen, sagte Maljar nicht. Das Risiko eines russischen Chemiewaffeneinsatzes sei jedoch groß, betonte sie.

Falls Russland tatsächlich Chemiewaffen in der Ukraine eingesetzt hat, dann sind der britischen Regierung zufolge für eine Reaktion darauf alle Optionen auf dem Tisch. „Es gibt einige Dinge, die jenseits des Erlaubten liegen“, sagte der für die Streitkräfte zuständige Minister James Heappey dem Sender Sky News. Ein Einsatz chemischer Waffen würde eine Reaktion des Westens hervorrufen. „Und alle Optionen liegen auf dem Tisch, wie diese Reaktion aussehen könnte.“ Die britische Außenministerin Liz Truss hatte am Montag erklärt, Großbritannien arbeite mit seinen Partnern zusammen, um die Einzelheiten von Berichten zu überprüfen, denen zufolge russische Streitkräfte möglicherweise chemische Kampfstoffe bei einem Angriff auf Mariupol eingesetzt haben.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Montag davor gewarnt, dass Russland Chemiewaffen einsetzen könnte. Großbritannien und die USA erklärten, ihnen seien Berichte bekannt, dass Russland möglicherweise bereits chemische Kampfstoffe im Kampf um Mariupol verwendet haben könnte.

Mit verstärkten Kämpfen im Osten der Ukraine in den kommenden zwei bis drei Wochen rechnet indes auch der britische Militärgeheimdienst. Russland konzentriere seine Angriffe weiterhin auf ukrainische Stellungen bei Donezk und Luhansk, teilte das Verteidigungsministerium in London auf Twitter mit. Um Cherson und Mykolajiw werde es weitere Kämpfe geben.

Außerdem gebe es einen neuen Vorstoß in Richtung der Stadt Kramatorsk, wo vergangene Woche bei einem Raketenangriff auf den Bahnhof Dutzende Menschen ums Leben gekommen waren. Die Briten sehen unter Berufung auf ihre Geheimdienste außerdem Anzeichen dafür, dass weitere russische Truppen aus Belarus abgezogen werden – wohl mit der Absicht, sie in der Ostukraine einzusetzen.

Nach ukrainischen Angaben sind am Dienstag neun Fluchtkorridore geplant, darunter auch für die belagerte Hafenstadt Mariupol, teilt Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk mit. Von dort könnten sich Zivilisten mit privaten Fahrzeugen in Sicherheit bringen. Fünf der neun Korridore solle es in der Region Luhansk im Osten der Ukraine geben.

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