Schwere russische Angriffe auf Mariupol, Dnipro und Charkiw

In der Ukraine setzen russische Truppen ihre Angriffe mit unverminderter Härte fort. Mariupol im Südosten und Charkiw im Nordosten der Ukraine lagen am Mittwoch unter schwerem Artilleriefeuer. Explosionen wurden auch nahe der Industriestadt Dnipro gemeldet. Russland hat unterdessen nach Angaben aus US-Kreisen den Abzug seiner Truppen aus dem Raum Kiew abgeschlossen.

„Wir gehen davon aus, dass alle Russen weg sind“, sagt der Insider, der namentlich nicht genannt werden will. Die Soldaten würden wohl neu ausgerüstet und versorgt für eine erneute Entsendung in die Ukraine. Damit werde die Regierung in Moskau nicht lange warten wollen, heißt es. Die Angaben können von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.

Aus Angst vor einer neuen russischen Offensive in der Ostukraine hat die Regierung in Kiew Menschen in den Gebieten Luhansk, Donezk und Charkiw dringend zur Flucht aufgerufen. „Bringen Sie sich in Sicherheit, solange es diese Möglichkeit noch gibt“, sagte die ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk am Mittwoch Medienberichten zufolge. „Das muss jetzt sein, denn später werden die Leute beschossen und ihnen droht der Tod. Sie können dann nichts mehr dagegen tun, und wir werden ihnen nicht helfen können.“

Russland hat der Ukraine vorgeworfen, eine „Provokation“ mit chemischen Stoffen zu planen und die Schuld dafür Moskau in die Schuhe schieben zu wollen. Ukrainische Spezialkräfte hätten ein Lager mit 120 Tonnen Chlor in der ostukrainischen Stadt Perwomajskyj vermint, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Mittwoch. „Dieses Lager soll gesprengt werden, um Russland zu beschuldigen, angeblich eine chemische Katastrophe herbeigeleitet zu haben, die den Tod von Anrainer verursacht.“ Es handle sich um „bestätigte Informationen“, sagte Konaschenkow, ohne Beweise vorzulegen.

Russland hat der Ukraine wiederholt vorgeworfen, sogenannte False-Flag-Aktionen zu planen. Hingegen ist im Westen die Sorge groß, dass russische Truppen in der Ukraine Chemiewaffen einsetzen könnten.

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Im ganzen Land sollen im Laufe des Tages elf Fluchtrouten geöffnet werden. Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) soll 500 weiteren Menschen die Flucht aus Mariupol gelungen sein.

Ein IKRK-Team habe einen Konvoi aus Bussen und Privatautos in die südukrainische Stadt Saporischschja geleitet, nachdem die Zivilisten auf eigene Faust aus Mariupol geflohen seien, teilt die Hilfsorganisation mit. Allerdings benötigten weiterhin Tausende Zivilisten, die in Mariupol eingeschlossen seien, sicheres Geleit und Hilfe, sagt der IKRK-Delegationsleiter in der Ukraine, Pascal Hundt.

Die humanitäre Lage im eingekesselten Mariupol verschlechtere sich unterdessen weiter, teilte das britische Verteidigungsministerium mit. Die meisten der verbliebenen Einwohner von Mariupol müssen ohne Licht, Kommunikationsmöglichkeiten, medizinische Versorgung, Heizung oder Wasser auskommen, teilte das britische Verteidigungsministerium mit. Die russischen Streitkräfte hätten den Zugang für humanitäre Hilfen verhindert, wahrscheinlich um den Druck auf die Verteidiger zur Kapitulation zu erhöhen.

Der Bürgermeister von Mariupol hat Russland vorgeworfen, zur Vertuschung von Kriegsverbrechen Leichen in mobilen Krematorien zu verbrennen. Mit dieser Praxis sollten Spuren verwischt werden, teilte die Stadtverwaltung am Mittwoch im Nachrichtenkanal Telegram mit. Russische Truppen haben bereits einen Großteil der Stadt besetzt. „Das ist ein neues Auschwitz und Majdanek“, wurde Bürgermeister Wadym Bojtschenko in der Mitteilung mit Verweis auf die deutschen Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg zitiert.

Ziel zahlreicher Attacken war in der Nacht auch die Großstadt Charkiw. Es habe 27 Angriffe mit verschiedenen Waffen gegeben, schrieb der Gouverneur des gleichnamigen Gebiets, Oleh Synjehubow, auf Telegram. „Der Feind will uns demoralisieren und führt weiterhin chaotische Schläge gegen die zivile Infrastruktur aus.“ Die zweitgrößte Stadt des Landes steht seit Kriegsbeginn am 24. Februar fast ununterbrochen unter Beschuss.

Die russische Armee nahm nach ukrainischen Angaben auch ein Öllager nahe der Industriestadt Dnipro unter Beschuss. „Es war eine schwierige Nacht“, erklärte der Gouverneur der Region Dnipropetrowsk, Valentin Resnitschenko, am Mittwoch auf Telegramm. „Der Feind hat aus der Luft angegriffen und ein Öldepot und eine Fabrik getroffen.“ Das Depot sei zerstört worden und die Fabrik in Brand geraten. „Glücklicherweise gab es keine Verletzten“, fügte der Gouverneur später hinzu. Nach mehr als acht Stunden habe die Feuerwehr das Feuer in der Fabrik gelöscht.

Insgesamt seien bei den Luftangriffen ein Flugabwehrraketensystem vom Typ Osa, fünf Munitions- und Treibstofflager sowie elf Militärstützpunkte der ukrainischen Armee zerstört worden, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Mittwoch. Man habe gesamt 24 militärische Ziele im Nachbarland getroffen.

Einheiten der selbst ernannten „Volksrepublik“ Luhansk setzten zudem ihre Angriffe in der Ostukraine fort. Dabei seien etwa 50 ukrainische Kämpfer getötet worden, betonte Konaschenko. Mit Raketen seien zudem ein Kommandopunkt, ein Kraftstofflager und ein Werk für die Reparatur von Panzertechnik zerstört worden. Die Angaben lassen die unabhängig nicht überprüfen.

In Butscha gingen inzwischen die Aufräumarbeiten weiter. Bei einem Ortsbesuch sagte der ukrainische Innenminister Denys Monastyrsky, dass in den Wohnungen und Wäldern noch „dutzende Leichen“ lägen. Die Ukraine wirft Russland einen brutalen Angriffskrieg und eine Vielzahl von Kriegsverbrechen auch in Mariupol vor.

Der Ukraine-Krieg war am Mittwoch auch Thema im Europaparlament. Dabei wandte sich EU-Ratschef Charles Michel in einem Appell direkt an die russischen Soldaten in der Ukraine. „Wenn Sie sich nicht an der Tötung Ihrer ukrainischen Brüder und Schwestern beteiligen wollen, wenn Sie keine Verbrecher sein wollen, lassen Sie die Waffen fallen, hören Sie auf zu kämpfen, verlassen Sie das Schlachtfeld“, sagte der Belgier. Zugleich zeigte er sich offen dafür, Deserteuren Asyl in der EU zu gewähren.

Michel erinnerte daran, dass einige Abgeordnete des Europaparlaments vorgeschlagen hätten, jenen Soldaten, die Befehle missachteten, Asyl zu gewähren. „Meiner Meinung nach ist dies eine wertvolle Idee, die verfolgt werden sollte.“

Michel bekräftigte, dass im ukrainischen Butscha und anderen Städten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen unschuldige Zivilisten begangen würden. Dies seien weitere Beweise dafür, dass die russische Brutalität gegen die Menschen in der Ukraine keine Grenze kenne. Es seien weitere Beweise für Kriegsverbrechen, für standrechtliche Hinrichtungen, für in den Straßen verstreute Leichen und für Massengräber. „Das ist keine “Spezialoperation„, das sind Kriegsverbrechen“, sagte Michel und bezog sich dabei auf das offizielle Kreml-Narrativ. Es müsse harte Konsequenzen für alle Verantwortlichen geben.

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