Weitere 50 Zivilisten aus Stahlwerk Mariupol evakuiert

Aus dem belagerten Stahlwerk in der ukrainischen Stadt Mariupol sind nach übereinstimmenden russischen und ukrainischen Angaben am Freitag 50 Menschen evakuiert worden. Dabei habe es sich um Frauen, Kinder und Ältere gehandelt, erklärte die ukrainische Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk am Abend im Internet. Sie warf Russland vor, die Feuerpause für die Evakuierung aus dem Asowstal-Werk wiederholt verletzt zu haben.

Auch das russische Verteidigungsministerium sprach von 50 Personen, die das umkämpfte Gelände verlassen hätten. Beide Konfliktparteien kündigten für Samstag eine Fortsetzung der Evakuierungen an. Die Behörden in Mariupol hatten den russischen Streitkräften zuvor vorgeworfen, ein Auto beschossen zu haben, das an Evakuierungsmaßnahmen beteiligt gewesen sei. Dabei sei ein ukrainischer Kämpfer getötet und sechs weitere verletzt worden. Für Freitag war eigentlich ein Konvoi mit 200 Zivilisten aus dem Stahlwerk erwartet worden. Wereschtschuk sagte, dass die Evakuierungsaktion am Freitag wegen der ständigen russischen Waffenstillstandsverletzungen „extrem langsam“ gewesen sei.

Bei zwei vorherigen Evakuierungen unter Vermittlung der Vereinten Nationen und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz wurden etwa 500 Menschen aus Mariupol und Umgebung auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet nach Saporischschja geholt. „Wir haben es geschafft, 500 Zivilisten heraus zu holen“, teilte Jermak mit. Er sprach von einer „weiteren Etappe der Evakuierung“, die in den nächsten Tagen fortgesetzt werden solle und dankte der UNO für ihre Hilfe bei der Organisation der Flüchtlingskorridore.

Wereschtschuk gab indes einen Gefangenenaustausch mit Russland bekannt. Dabei seien 41 Menschen – darunter 28 Militärs – in die Ukraine zurückgekehrt, erklärte sie am Freitagnachmittag auf Telegram. Auch ein Vertreter der ukrainisch-orthodoxen Kirche sei dabei. Eine russische Stellungnahme liegt nicht vor.

Unterdessen geht der Beschuss auch in anderen Teilen des Landes weiter. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurde zuletzt ein großes Munitionsdepot in Kramatorsk im Osten der Ukraine zerstört. „Mit luftbasierten Hochpräzisionsraketen wurde ein großes Munitionslager der ukrainischen Streitkräfte vernichtet, das auf dem Territorium der Fabrik Energomaschstal in der Stadt Kramatorsk angelegt war“, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Freitag. Ukrainische Behörden hatten am Vortag von einem massiven Raketenangriff auf die Stadt mit 25 Verletzten gesprochen.

Der Ukraine gelang indes neuerlich ein Treffer auf ein russisches Kriegsschiff. Medienberichten zufolge geriet eine russische Fregatte im Schwarzen Meer nach Raketenbeschuss in Brand. Zwar wurde dies weder in Moskau noch in Kiew bestätigt, doch erhöhte der ukrainische Generalstab die Zahl der versenkten russischen Schiffe am Freitag um ein weiteres auf nunmehr elf.

Nach Moskauer Angaben waren zudem in den vergangenen 24 Stunden die taktische Luftwaffe und die Artillerie wieder sehr aktiv. Demnach habe die Luftwaffe 24 Militärobjekte beschossen, die Artillerie über 200. Unter den getroffenen Zielen nannte Konaschenkow Munitionsdepots, Artilleriestellungen, Truppenansammlungen und Luftabwehrsysteme. Gesondert berichtete er über den Abschuss von zwei ukrainischen Kampfflugzeugen; eine Su-25 und eine MiG-29. Von unabhängiger Seite konnten diese Angaben nicht überprüft werden.

Generell zeigt sich der Kreml – entgegen anderslautender Experteneinschätzungen – mehr als zehn Wochen nach Kriegsbeginn zufrieden mit den Leistungen des eigenen Militärs. „Die Operation läuft nach Plan“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Zu Wort meldete sich am Freitag auch das Außenministerium in Moskau. Der Einsatz von Atomwaffen sei im Rahmen des speziellen Militäreinsatzes nicht vorgesehen, sagt der Sprecher des Ministeriums, Alexej Saizew. Die USA hatten angesichts der ausbleibenden Erfolge der russischen Armee gewarnt, Russland könnte taktische Atomwaffen einsetzen.

Mit Spannung wird jedenfalls der 9. Mai erwartet. Nach Angaben aus Kiew plant Russland am Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland auch eine Militärparade in Mariupol. Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak warf Russland vor, zu diesem Anlass ukrainische Gefangene aufmarschieren lassen zu wollen. Ähnlich waren bereits 2014 pro-russische Separatisten in der Ostukraine vorgegangen, nachdem sie die Stadt Donezk eingenommen hatten.

„Sie haben Soldaten der ukrainischen Armee durch die Straßen marschieren lassen, man hat sie mit Müll beworfen“, erklärte Podoljak mit Blick auf die Ereignisse 2014 am Freitag. „Acht Jahre später hat der Kreml beschlossen, dies am 9. Mai in Mariupol mit Zivilisten in Militäruniform nachzuspielen.“

In der Umgebung von Mariupol wurden nach Angaben der pro-russischen Separatisten inzwischen die auf Ukrainisch und Englisch beschrifteten Straßenschilder durch russische ersetzt.

Auch in der Südukraine versuchten die Besatzer ihre Macht zu festigen. Mit Andrej Turtschak besuchte am Freitag erstmals ein hochrangiger russischer Politiker die nördlich der Halbinsel Krim gelegene südukrainische Stadt Cherson. „An die Menschen in der Region Cherson gerichtet, möchte ich sagen, dass Russland hier ist, um für immer zu bleiben“, sagte der Spitzenfunktionär der russischen Regierungspartei Geeintes Russland laut einer Erklärung seiner Partei. „Es gibt kein Zurück in die Vergangenheit. Wir werden zusammen leben und diese reiche Region zusammen weiter entwickeln.“ Die Ukraine warnt seit längerem davor, dass Russland auch in der Region Cherson ein Fake-Referendum zur Angliederung an Russland organisieren könnte wie auf der Krim und in den „Volksrepubliken“ des Donbass, die im Jahr 2014 eingenommen worden waren.

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