„Sahibinden Kiralik“ als dunkler „Reigen“ bei den Festwochen

Es ist eine Art „Reigen“ in den dunklen Ecken eines Parks in einer türkischen Großstadt: Stricher, Freier und Zuhälter treffen auf einer spärlich beleuchteten Parkbank aufeinander, um übereinander herzufallen oder aufeinander loszugehen. Mittendrin ein 14-jähriges Mädchen, das am Anfang „Lolita“ liest und am Ende einen Ausweg sucht. Das 2002 von Özen Yula geschriebene Stück „Sahibinden Kiralik“ feierte am Mittwoch im Schauspielhaus im Rahmen der Wiener Festwochen Premiere.

Rasch wechseln die Szenen, die mal von Gewalt, mal von Liebe, mal von Abhängigkeit geprägt sind, einander ab. Jeweils einer der Schauspieler steht vor dem Mikrofonständer und gibt den Erzähler. Es ist eine Welt, die noch mehr als in europäischen Ländern als Unterwelt bezeichnet werden kann. Von der Gesellschaft Ausgestoßene, die hier im Park mit ihren sexuellen Diensten ihren Lebensunterhalt verdienen. Der türkische Autor Özen Yula gibt allen ein Gesicht und seziert ihr tägliches Ringen um einen letzten Rest Würde. Die Hierarchien sind klar: Ganz oben steht der Zuhälter Sadik, der 15 Prozent Provision von all jenen Männern nimmt, die er im Park „beschützt“. Auch diese werben ihrerseits um „Frischfleisch“, von dem sie gleich 30 Prozent abstauben. Doch als Adnan sich in das junge Mädchen Simay verliebt, gerät das Konstrukt ins Wanken.

Es sind kleine, oft belanglos wirkende Szenen, in denen die Ausgestoßenen ihre Sorgen, Hoffnungen und Ängste diskutieren, in denen Freundschaft binnen Sekunden in Feindschaft umschlagen kann. Bald wird klar: Keiner kann dem anderen glauben. Und so glaubt Adnan auch nicht, dass Simay ihn liebt – weil sie sich ihm verweigert, während sie auf dem Strich mit einem Mann nach dem anderen schläft. Bald wollen die Chefs von ihm Geld sehen, weil sie davon überzeugt sind, dass Simay für Adnan anschaffen geht. Sogleich wird klar: Das wird kein gutes Ende nehmen.

Angereichert werden die spartanischen Szenen durch Live-Videoaufnahmen eines Tisches, von dem sich die Protagonisten immer wieder Requisiten schnappen: Bargeld, Feuerzeuge, Messer. Per Video eingespielt wird ein Monolog der gealterten Simay, gespielt von Meral Cetinkaya. Sie rückt so manche Lügen ihres jüngeren Ichs ins rechte Licht. Und macht deutlich: Die Hoffnung, dass irgendwann alles besser wird, ist eine Lüge. Nicht umsonst bedeutet der Stücktitel übersetzt „Vom Eigentümer zu mieten“. Einer der Schlüsselsätze des Abends lautet: „Vom Eigentümer zu mieten, genau das ist das, was man Leben nennt. Wenn der Tag kommt, müssen wir ausziehen, damit neue Mieter einziehen können.“

„Sahibinden Kiralik“ ist ein Stück, das trotz der Thematik erstaunlich selbstverständlich daherkommt. Es sind die kleinen Zwischentöne in den oft belanglos wirkenden Dialogen, die berühren. Vor dem politischen Hintergrund in der Türkei wirken sie besonders brisant, aber am Ende ist es eine globale Problematik. Und man kann sich die Zeit nehmen, jenen, die man sonst weder sieht noch hört, Gehör zu schenken.

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(S E R V I C E – Wiener Festwochen: „Sahibinden Kiralik“ von Özen Yula, in türkischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Regie: biriken (Melis Tezkan, Okan Urun). Mit Cem Baza, Meral Cetinkaya, Ozan Güclü, Yusuf Sefaoglu, Burak Safa Calıs, Zeynep Su Topal, Okan Urun und Meral Cetinkaya. Schauspielhaus Wien. Weitere Termine: 10., 11. und 12. Juni. Infos und Tickets unter )

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