Salafistisches Virus in Kurdistan

Extremistischer Islam sickert in nordirakische Region ein

Pater Jens (2. v. l.) bei der Übergabe von „Zertifikaten“ nach einem Mathematikkurs in der Kirche von Sulaymaniyah.Hort der Hoffnung: Die Kirche von Sulaymaniyah.
Pater Jens (2. v. l.) bei der Übergabe von „Zertifikaten“ nach einem Mathematikkurs in der Kirche von Sulaymaniyah.Hort der Hoffnung: Die Kirche von Sulaymaniyah. © privat

„Es hat mich sehr erstaunt, dass kein Flüchtlingsheim gebrannt hat“ — Pater Jens Petzold wundert sich noch heute über die großzügige Aufnahme von zwei Millionen Arabern, die nach 2013 vor dem Islamischen Staat (IS) aus Syrien und dem Irak in die Autonome Region Kurdistan geflüchtet waren.

Das war in der nordirakischen Region nicht nur aus ökonomischen Gründen keine Selbstverständlichkeit. Unter den Flüchtlingen waren auch ehemalige Anhänger von Ex-Diktator Saddam Hussein, der 1988 Tausende Kurden mit Giftgas hatte ermorden lassen.

Trotzdem gab es „fast keine Spannungen“, so Petzold, der 2011 in der Großstadt Sulaymaniyah das Kloster der Jungfrau Maria gegründet hat und dort selbst Flüchtlinge versorgt. Der aus der Schweiz stammende spätberufene Priester erklärt sich diese Wunder mit der sprichwörtlichen „abrahamitischen Gastfreundschaft“ der sunnitischen Kurden.

Hort der Hoffnung: Die Kirche von Sulaymaniyah.
Hort der Hoffnung: Die Kirche von Sulaymaniyah. ©privat

Patres als Geiseln des IS

Das Kloster im alten Pfarrhaus der Großstadt, in der 1500 der 1,6 Millionen Einwohner Christen sind, ist ein Ableger der syrisch-katholischen Gemeinschaft Al-Khalil von Deir Mar Musa. Deren Gründer Paolo Dell’Oglio ist verschollen, seit er 2013 zu Verhandlungen über die Freilassung kurdischer Geiseln ins damalige IS-Zentrum Rakka gereist war. „Wir hoffen noch, müssen aber annehmen, dass er tot ist“, so Petzold zum VOLKSBLATT. Pater Jacques Mourad, ein Mitbegründer der den Dialog mit dem Islam propagierenden katholischen Mönchsgemeinschaft, war 2015 zusammen mit 150 Christen entführt und fünf Monate festgehalten worden, ehe ihm mit Hilfe von Muslimen die Flucht aus Rakka gelang.

Geld von Saudis & Katar

Die schrecklichen Zeiten des IS-Kalifats sind vorbei, auch wenn noch immer Flüchtlinge aus Syrien, etwa der umkämpften Region Idlib, in Sulaymaniyah stranden. Doch noch ist der islamistische Albtraum nicht ausgestanden. Denn Kurdistan blieb zwar von der Ausdehnung des IS-Kalifats verschont, der islamische Extremismus sickerte und sickert dennoch ein. „Durch Geld aus Saudi-Arabien und Katar kommt die salafistische Ideologie in das Gebiet“, sagt Pater Petzold. Der traditionelle, säkulare Islam der Kurden sei zwar „noch dominierend, aber sehr unter Druck“. Es gebe, so Petzold, einige Moscheen, die den Salafismus lehrten. Vor allem am Land predigten salafistische Imame.

Kurdische Salafisten

Der Salafismus muss nicht nur importiert werden. Obwohl die große Mehrheit der Kurden diesen Extremismus ablehnt, war der kurdische Kampf gegen den IS zum Teil auch ein kurdischer Bruderkrieg. Denn auf Seiten das IS kämpften auch fanatisierte Kurden — allerdings zu wenige, als dass dieses Phänomen große Aufmerksamkeit erfahren hätte. Die Wurzeln dieses salafistischen Phänomens reichen zurück in die 1980er Jahre, als Gruppen wie Ansar al-Islam (Helfer des Islam) kleinere Gebiete im Nordirak kontrollierten und die Bevölkerung —etwa unverschleierte Frauen — terrorisierten. Ihr Einfluss resultierte aber auch aus ihrem sozialen Engagement. Damals wie heute investieren die Salafisten die Gelder aus dem Ausland in den Aufbau muslimbrüderlicher Strukturen, sei es in Moscheen oder soziales Engagement für Bedürftige.

Und Bedürftige, die mit materieller Unterstützung für die islamistische Ideologie offen gemacht werden sollen, mangelt es in dieser Region nicht.

Hilfe aus Oberösterreich

Auch aus diesem Grund appelliert Pater Petzold dringend um Hilfe aus Europa. Auch im eigenen Interesse. „Wenn man nicht eine Mauer um Europa bauen will, gibt es keine Möglichkeit, als den Menschen dort eine Perspektive zu bieten“, sagt der Pater und plädiert für einen „Marshallplan“. Hilfe kommt bereits aus der Diözese Linz, deren Generaldechant Slawomir Dadas als Obmann der Initiative Christlicher Orient (ICO) auch im Nordirak engagiert ist. Rund 60.000 Euro aus Oberösterreich haben Jens Petzold bisher dabei geholfen, Christen und säkularen Muslimen beim Aufbau einer gemeinsamen Zukunft und damit eines Bollwerks gegen Muslimbrüder und Co. in Kurdistan zu unterstützen.

Von Manfred Maurer

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