Salzburg-Dirigent Manacorda über den „Tornado Musikwelt“

Am Samstag (31. Juli) feiert Antonello Manacorda sein persönliches Debüt bei den Salzburger Festspielen – zumindest das am Pult. Als Geiger ist dem 51-jährigen Italiener und Wahlberliner das Festival wohlvertraut, als Maestro gestaltet er hier nun das erste Mal ein Programm. Vor seiner Mozart-Matinee mit dem Mozarteum Orchester und Kristian Bezuidenhout am Klavier sprach Manacorda mit der APA über Haydn als Architektur, die Arbeit als freier Dirigent und das frühe Aufstehen.

APA: Sie gelten als Mozart-Experte. Hat gerade unter diesem Aspekt ein Debüt bei den Salzburger Festspielen immer noch den Nimbus des Außergewöhnlichen?

Antonello Manacorda: Es ist für mich etwas sehr Besonderes – aber weniger wegen Mozart im engeren Sinne. Mozart ist sowieso die Basis von allem und sollte von allen gehört werden. Aber wenn wir ehrlich sind: Mozart wollte ja nichts lieber, als weg aus Salzburg. (lacht) Und ich habe in meinem vorherigen Leben als Geiger ja schon oftmals in Salzburg gespielt. Insofern ist es jetzt für mich etwas Neues im neuen Gewand, aber zugleich auch eine Rückkehr zu den Wurzeln.

APA: Wie geht es Ihnen mit dem Format einer Matinee? Sind Sie Frühaufsteher?

Manacorda: Überhaupt nicht, ich hasse das! (lacht) Wenn es um 11 Uhr losgeht, muss ich mindestens um 7 Uhr aufstehen, was mir gar nicht liegt. Aber auf der Bühne schießt dann das Adrenalin ein, und alles ist vergessen. Ich hatte vor kurzem einen Hexenschuss und wahnsinnige Schmerzen untertags, aber am Abend am Pult habe ich dann gar nichts mehr gespürt! Außerdem schätze ich an Matineen, dass diese Veranstaltungen weniger formell ablaufen als die Abendkonzerte.

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APA: Auch wenn Sie nun eine Mozart-Matinee in Salzburg gestalten, ist Ihre konzertante Arbeit eigentlich weniger von Mozart geprägt als Ihr Wirken als Operndirigent, bei dem er sehr dominant ist. Wie kommt das?

Manacorda: Ich möchte nicht in der Schublade als Mozart-Dirigent landen. Dazu schätze ich etwa auch Mahler oder das übrige deutsche Repertoire viel zu sehr. Aber es ist tatsächlich ein Missverständnis, dass man Debütanten an einem Haus oftmals Mozart gibt, weil man meint, das sei technisch einfach. Dabei ist Mozart hochkomplex! Haydn ist Architektur, Mozart ist immer Oper, auch bei seinen instrumentalen Werken. Mozart denkt auch Instrumente immer szenisch, als Charaktere.

APA: Sie haben in Salzburg zwei relative Spätwerke, das 25. Klavierkonzert und die „Gran Partita“, angesetzt. Wie kam es zu dieser Wahl?

Manacorda: Die Gran Partita wird viel zu selten gemacht. Und mich hat es gereizt, dieses Werk, bei dem die Bläser ganz im Mittelpunkt stehen, in Salzburg zu dirigieren. Nach einiger Überlegung, was dazu passen könnte, bin ich dann auf Kristian Bezuidenhout gekommen, den ich schon sehr lange kenne und schätze. Er hat sich dann für das Klavierkonzert entschieden.

APA: Was sind Ihre persönlichen Zukunftspläne? Weiterhin als freier Dirigent zu arbeiten, oder suchen Sie ein fixes Haus?

Manacorda: Eigentlich strengt mich die Arbeit als Gastdirigent eher an. Ich bin sehr gerne fix an einem Ort und arbeite dort intensiv mit den Musikern. Ich suche gerade nach einem Symphonieorchester, mit dem ich fix arbeiten kann. Das würde mich sogar mehr reizen als ein Opernhaus. Ich bin ein Mensch, der gerne mit Menschen zu tun hat – nicht nur mit Noten. Man kann mit einem festen Orchester natürlich ganz anders arbeiten, wenn man lange Zeit hat, sich mit einer Notensprache zu beschäftigen.

APA: Dabei ist der Trend – zumindest vor Corona – ja eigentlich eher in die gegenteilige Richtung gegangen…

Manacorda: Das hat mit Karajan angefangen, der eigentlich der Erste war, der in seinem Jet zu Auftritten um die Welt geflogen ist. Vor dieser Globalisierung war es ganz üblich, dass die Dirigenten primär an einem Haus beschäftigt sind, was vor allem Vorteile hat in meinen Augen.

APA: Haben Sie denn den Optimismus, dass es hier ausgelöst durch die Pandemie wieder eine Rückbesinnung gibt?

Manacorda: Ich persönlich habe sehr genossen, weiter arbeiten, aber die Reisen reduzieren zu können. Aber ich befürchte, dass die Menschen die Coronaerfahrung schnell wieder vergessen und zum vorherigen Leben zurückkehren möchten. Wir Künstler müssen hier kämpfen, aber es ist schwierig in diesem Markt, in diesem Tornado, den die Musikwelt darstellt.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(ZUR PERSON: Geboren wurde Antonello Manacorda 1970 in Turin, begann seine Laufbahn als Geiger aber in Amsterdam. 1994 holte ihn Claudio Abbado als Konzertmeister zum Gustav Mahler Jugendorchester, bevor er 1997 zum Mitbegründer des Mahler Chamber Orchestras wurde. Nach der Jahrtausendwende wandelte sich Manacordas Schwerpunkt dann zum Dirigat, wobei er nach Engagements in Estland, Bamberg oder Aix-en-Provence 2010 an die Spitze der Kammerakademie Potsdam wechselte. Im Opernbereich hat er etwa mit Damiano Michieletto in La Fenice und 2016 im Theater an der Wien an Rossinis „Otello“ gearbeitet und war im Vorjahr an der Wiener Staatsoper im Graben von Hans Neuenfels’ Mozart-Inszenierung „Entführung aus dem Serail“ zu erleben.)

(S E R V I C E – ; )

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