Salzburg genoss Christian Thielemann mit den Wiener Philharmonikern

Elina Garanca als Wagners Muse strahlt auf Bruckners „Romantische“

Elina Garanca und Christian Thielemann lieferten mit den Wiener Philharmonikern einen unvergesslichen Abend.
Elina Garanca und Christian Thielemann lieferten mit den Wiener Philharmonikern einen unvergesslichen Abend. © SF/Marco Borrelli

Das zweite Konzert der Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen bescherte im Großen Festspielhaus eine Gegenüberstellung von Richard Wagners schlichten Wesendonck-Liedern und Anton Bruckners aufwendiger Symphonie Nr. 4 Es-Dur, der „Romantischen“, wobei es Christian Thielemann gelang, einen großen Bogen zu spannen und sogar Gemeinsamkeiten im Sinne romantischer Gestaltung zu finden.

Der Wechsel Thielemanns von Bayreuth nach Salzburg hat sich somit gelohnt, zumal der wie immer souverän agierende Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit einem Hauch Wagners die ganze Wucht der „Romantischen“ Bruckners auf Hochtouren brachte.

Die fünf Gedichte stammen von Mathilde Wesendonck, der verheirateten Geliebten Wagners, die ihre Trauer über die unerfüllten Möglichkeiten des Verhältnisses in einfachen Versen ausdrückte. Die Klavierstimme wurde von keinem Geringeren als Felix Mottl zur Orchesterfassung verwandelt, wobei auf die Wertfälle und deren Aussage extrem Rücksicht genommen wurde.

Mezzo-Superstar Garanca wurde zu einem „Engel“

So entpuppte sich Mezzo-Superstar Elina Garanca bereits im ersten Lied „Der Engel“ nicht nur wegen ihrer subtilen optischen Erscheinung, sondern wegen ihrer warmen Stimme, die sich immer mehr vom Mezzo in Richtung Sopran entwickelt, tatsächlich als solcher. Was tut der Engel: „Auf leuchtendem Gefieder führt er, ferne jedem Schmerz, meinen Geist nun himmelwärts!“

In „Stehe still!“ betont Mathilde das Ende jedes Hoffens. „Im Treibhaus“ und „Träume“ sind Studien zu Wagners „Tristan und Isolde“, die jedoch letztlich ein Versinken in der Gruft ergeben. Wie Garanca, Thielemann und die Wiener Philharmoniker alle Nuancen dieser negativ endenden Idylle erreichten, war von detailreichen Feinheiten begleitet, der Applaus dementsprechend vom Gesamteindruck getragen.

Anton Bruckners nahezu eineinviertel Stunden einnehmende Vierte Symphonie Es-Dur bot naturgemäß als Fortsetzung der romantischen Gefühle Mathilde Wesendoncks eine an superbem Klang unübertreffliche, durch alle Gegensätze romantischer Aussagekraft der Instrumentalmusik geprägte Bilderbuchgeschichte. Der Titel „Romantische“ stammt von Bruckner selbst, der gleichsam auch sichtbare Bilder der Romantik entwirft.

Das Horn als Repräsentant der Jagd, der Nebel, den die Streicher assoziieren, steigt vor unseren Augen auf. Jeder Zuhörer kann sich in der Vielfalt, die Thielemann dem Orchester entlockt, seine eigenen romantischen Vorstellungen selbst ausmalen. Zumal Bruckners Satzbezeichnungen wie „Bewegt, nicht zu schnell“ oder im Trio des Scherzos „Nicht zu schnell, keinesfalls schleppend“ und im Finale „Bewegt, doch nicht zu schnell“ keine strikten, sondern von den Interpreten zu entscheidende Angaben anboten, hatte Thielemann alle Möglichkeiten, so, wie es etwa bei Interpretationen Herbert von Karajans der Fall war, seine Vorstellungen, die Extreme bevorzugen, hervorzukehren.

Die Wiener Philharmoniker hatten sichtlich und hörbar Freude daran, Thielemann in seiner romantischen, scharf akzentuierenden Gedankenwelt vollinhaltlich zu unterstützen. Das Ergebnis: eine zu Herzen gehende, viele Facetten der Romantik aufzeigende Interpretation, die, nach einem Moment gefühlsbetonter Stille, zu Ovationen führte.

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