Salzburger Festspiele: Currentzis meisterte das Schicksal

Teodor Currentzis ist ein Teufelskerl. In der Mitte seines gefeierten Salzburger Beethoven-Zyklus bot er am Sonntagabend gleich zwei Interpretationen des berühmten Kopfsatzes der „Schicksalssymphonie“ an, zunächst aufgeraut und ungewohnt, als Zugabe dann abgerundet und effektbetont. Das Publikum feierte den Dirigenten und sein MusicAeterna-Orchester in der Stiftung Mozarteum mit Standing Ovations.

Currentzis geht bei seinem Lauf durch die neun Beethoven-Symphonien, der schon jetzt getrost ein Ereignis genannt werden darf, nicht chronologisch vor. Also begann der dritte Abend mit der zweiten Symphonie – und schon nach wenigen Takten wurde einmal mehr deutlich, warum der in Perm wirkende gebürtige Grieche seine Musiker wie seine Zuhörer gleichermaßen zu begeistern versteht. Mit unkonventioneller Zeichengebung, gehaltener Körperspannung und elektrisierendem Energiefluss macht er klar: Hier wird nicht einfach musiziert, hier wird um hohen Einsatz gerungen. Es gilt das Leben!

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Am besten kommt diese Unbedingtheit in den Ecksätzen der Symphonie Nr. 2 D-Dur zum Ausdruck. Hier kann Currentzis mit seinen hervorragenden Musikern beweisen, dass er ein Former und kein Performer ist. Er formt aus Melodiebögen und Solostimmen ein großes Ganzes, forciert, als gäbe es kein Morgen, und ordnet die Stimmgruppen trotz des hohen Tempos mit größter Sorgfalt, immer mehr auf den Kontrast als auf den Wohlklang aus. Gezwungen wirken hingegen mitunter jene Passagen, in denen Ausgelassenheit gefragt ist. So schön mancher Echoklang im zweiten Satz gelingt, so unorganisch wirkt mancher Wiegeschritt. Wenn man angetreten ist, dem Schicksal die Stirn zu bieten, fällt Leichtfüßigkeit eben schwer.

Und schon sind wir in der „Schicksalsymphonie“, der Symphonie Nr. 5 c-Moll., deren erster Satz zu den Ohrwürmern des klassischen Repertoires gehört. Ausgerechnet hier ertappt man sich bald bei einigen Fragen: Wie anders klingt das jetzt als die unzähligen Vorgänger-Interpretationen? Ist diese schroffe, Einzelstimmen betonende Sicht tatsächlich überzeugender als die den geschmeidigen, schicksalsträchtigen Gesamtklang betonenden Versionen, die man gewohnt ist? Muss man um jeden Preis mit Konventionen brechen?

„Ich glaube, die Rolle der Musiker ist es, dem Publikum Fragen zu stellen“, hatte Currentzis wenige Stunden zuvor bei einem Terrassentalk der Festspiele, bei dem er sich ganz zahm und konservativ gab, gemeint. „Wenn es eine Antwort gibt, dann ist das das Ende.“ Auf welche Weise er nach einem grandiosen, vielschichtigen, ganz und gar überzeugenden Finalsatz und dem anschließenden Jubel selbst eine Antwort zu formulieren suchte, frappierte dann doch. Das Publikum, das sich eine Zugabe erklatscht hatte, werde nun eine andere Interpretation des ersten Satzes hören, kündigte der Dirigent an. Und bot eine an die Hörgewohnheiten deutlich angepasstere Version an, die runder, voller und dennoch keineswegs abgedroschen wirkte.

Deutlicher konnte Currentzis nicht seine These unterstreichen, dass es – zumindest in der Kunst – keine endgültigen Wahrheiten gibt. Und man durfte annehmen, dass er noch einige weitere ebenso überzeugende Ansätze aus dem Ärmel geschüttelt hätte – wenn das dazugehörige schwarze Hemd nicht bereits komplett durchgeschwitzt gewesen wäre. So machte er dann doch lieber den Abgang. Und hinterließ die Vorfreude auf zwei weitere Konzerte am 22. und 23. August. Als nächstes steht die „Pastorale“ auf dem Programm.

(S E R V I C E – )