Salzburger Festspiele: Jungfrau und Heilige als Antiheldin

Cannes-Preisträgerin Irène Jacob brillierte als Jeanne © APA/AFP/JEFF PACHOUD

Die Apotheose einer Abtrünnigen. Die Schlachtung eines politischen Sündenbocks. Die Schlussakkorde eines verzweifelten Traums, erstickt in den Flammen des Scheiterhaufens: Am Sonntag stand Arthur Honeggers Oratorium „Jeanne d’Arc au bûcher“ bei den Salzburger Festspielen am Programm. Bei aller musikalischen Kunstfertigkeit – vom Publikum mit tosendem Applaus bedacht – bleibt die Frage: Braucht das Heute eine religiös-fundamentalistische Kriegsheldin wie Johanna von Orléans?

Kaum passender hätte die Kulisse für Jeannes absurden Schauprozess gewählt werden können. Schattenhaft traten die scharfkantigen Arkaden aus dem schroffen Felsen an der Rückwand der Bühne hervor und verliehen dem zwischen Zynismus und Klamauk changierenden Schauspiel, monumental untermalt vom SWR-Symphonieorchester, ein schauriges Gepräge. Empor zu den steinernen Logen im nackten Felsen stieg auch der mal fieberhaft erregte und schrill tremolierende, mal bedrohlich flüsternde Gesang der beiden Chöre. Rund um die barfuß in ein schlichtes Leinenkleid gehüllte Jeanne, emotional berührend gespielt von Irène Jacob, 1991 Beste Darstellerin in Cannes.

Unter der souveränen musikalischen Leitung von Maxime Pascal flatterten die sonoren Stimmen des Theater-Kinderchors und seines stilistisch vielseitigen Pendants vom Bayerischen Rundfunk wie ein farbenfroher Vogelschwarm durch die steinerne Halle. Mal in disziplinierter Formation als stimmgewaltige Phalanx, mal im diffusen Durcheinander atemloser Entrüstung. Und immer wieder sanken die aufstiebenden Wortfetzen abgekühlt zurück auf die Bühne wie die Federn aus Jeannes Wahnvorstellungen. Federn, mit denen häretische Gelehrte ein verlogenes Todesurteil in jenes Buch kritzelten, aus dem Frère Dominique (Jérôme Kircher) der bestürzten Jeanne in den ersten Szenen vorliest.

Honeggers historisches Vorbild scheiterte nach glorreichen Siegen gegen die verfeindeten Engländer im 15. Jahrhundert an profaner Megalomanie, gespeist aus spirituellen Verstiegenheiten. Auch nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen blieb Johanna von Orléans eine hochpolitische Figur. Posthum noch im Mittelalter von der Kirche begnadigt, wurde sie erst nach dem Ersten Weltkrieg in Zeiten des aufbrandenden Nationalismus heiliggesprochen. Während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis, verarbeitet im düsteren Prolog von Paul Claudels Libretto, avancierte die siegbringende Jungfrau endgültig zum mystischen Nationalsymbol.

Ebenso facettenreich und kontrovers wie die Hauptfigur gestaltet sich Honeggers musikalisches Repertoire in einem unkonventionellen Spektrum, das von folkloristischem Liedgut über Elemente geistlicher Vokalmusik und sprunghaften Jazz bis hin zu militärisch anmutenden Marschfragmenten reicht. Ein anspruchsvolles Potpourri, das die mimisch und stimmlich groß aufspielenden Protagonisten rund um Elena Tsallagova (Jungfrau Maria), Mélissa Petit (Marguerite), Martina Belli (Catherine) oder Marc Mauillon (Le Clerc) gekonnt auf die Bühne brachten. Damien Bigourdan als prätentiöser Gerichtsvorsteher Porcus (Schwein) und Emilien Diard-Detoeuf als wiehernd protokollierender Esel füllten die wahnwitzige Groteske um das mit allegorischen Tierfiguren besetzte Gericht humoristisch-elegant mit Leben.

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Ikonischer Stoff kann undankbar sein. Und ikonisch ist Jeanne d’Arc als kanonische Hagiografie allemal. Honegger aber ließ sich weder einschüchtern noch zum Ikonoklasmus hinreißen. Diese Jeanne ist anders als ihr martialisches, mitunter chauvinistisch vereinnahmtes historisches Vorbild. Paul Claudel deutete sie um, rückte ihre Emanzipation behutsam in den Vordergrund. Es ist das Psychogramm einer jungen Frau, die aufbegehrt gegen verkrusteten Konservatismus und ihren Idealen treu bleibt. Szenisch verstärkt durch den Kunstgriff der Salzburger Regie, Jeanne beim bedeutungsschweren Trimazô ihrem kindlichen Ebenbild gegenüberzustellen. Begleitet und ermutigt vom programmatischen Ruf „Geh deinen Weg“, der zum wiederkehrenden Leitmotiv avancierte, ist diese Jeanne keine Kriegs-, sondern eine Antiheldin – vielleicht sogar eine Antikriegs-Heldin. Und die braucht diese Gegenwart dringender denn je.

(S E R V I C E – „Jeanne d’Arc au bûcher“ von Arthur Honegger im Rahmen der Ouverture Spirituelle bei den Salzburger Festspielen. Libretto von Paul Claudel. SWR Symphonieorchester, Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, Chor des Bayerischen Rundfunks. Dirigent: Maxime Pascal, Choreinstudierung: Howard Arman und Wolfgang Götz. Mit Jeanne d’Arc – Irène Jacob, Frère Dominique – Jérôme Kircher, La Vierge – Elena Tsallagova, Marguerite – Mélissa Petit, Catherine – Martina Belli, Porcus – Damien Bigourdan, Le Clerc – Marc Mauillon, Une Voix/Héraut/Un Paysan – Damien Pass, L’âne – Emilien Diard-Detoeuf).

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