Salzburger Festspiele mit 96 Prozent Auslastung

Während das Kulturleben im Coronajahr weltweit weitgehend zum Stillstand gekommen ist, hat Salzburg – abgespeckte – Festspiele zum 100-Jahr-Jubiläum gewagt. Am Sonntag hat das Direktorium eine erfolgreiche Bilanz über das “besondere Festspieljahr 2020” gezogen, das heute zu Ende geht: Bei den 110 Aufführungen wurden 76.500 Besucher gezählt, das entspricht einer Auslastung von 96 Prozent.

Die Erwartungen seien nicht nur eingetreten, sondern “sogar weit übertroffen worden”, hieß es in einer Aussendung am Sonntagnachmittag. Die erwirtschafteten Einnahmen betragen 8,7 Millionen Euro. Die Treue hielten vor allem die Stammgäste: Gut zwei Drittel aller verkauften Karten gingen an diese Gruppe, im Publikum waren heuer 39 Nationen vertreten.

Knapp die Hälfte der 110 Veranstaltungen, konkret 53, waren Konzerte, dazu kamen zwölf Vorstellungen der beiden Opern und 29 Schauspielaufführungen sowie Lesungen und mehrere Veranstaltungen im Rahmenprogramm. Für das ursprüngliche Jubiläumsprogramm, das nun großteils auf 2021 verschoben wurde, waren 240.000 Karten aufgelegt und 180.000 bereits verkauft worden. Diese Tickets mit einem Erlös von 24,5 Mio. Euro wurden rückabgewickelt, wobei viele ursprüngliche Gäste auch beim modifizierten Programm “zuschlugen” – jede zweite neu aufgelegte Karte wurde von ursprünglichen Buchern erworben.

Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler betonte in der Aussendung, es sei das größte Jubiläumsgeschenk gewesen, dass das Festival 2020 überhaupt stattfinden habe können. Dazu beigetragen hat das strenge Sicherheitskonzept, das international große Beachtung fand. “Dass bisher bei 1.400 Mitwirkenden in der über zweimonatigen Vorbereitungs-, Proben- und Vorstellungszeit nur eine einzige Mitarbeiterin Anfang Juli infiziert wurde und dass kein einziger Fall unter den 76.500 Besuchern gemeldet wurde, ist eine Sensation”, sagte dazu der Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz. Man habe bewiesen, dass Kulturveranstaltungen so durchgeführt werden können, ohne dass von ihnen ein erhöhtes Risiko ausgehe. Intendant Markus Hinterhäuser ergänzte: “So wird das Signal, das von Salzburg ausgeht, das stärkste, vitalste und wesentlichste sein, das man an die Welt senden kann.”

Insgesamt wurden im Rahmen des Sicherheitskonzepts rund 3.600 Coronatests durchgeführt, darunter etwa 1.000 noch am Wohnort der Künstler und temporären Mitarbeiter, 2.355 Routinetests von Personen der “roten Gruppe” (bei ihnen kann der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden, etwa Musiker im Orchestergraben und Künstler auf der Bühne) und 154 Tests aufgrund eines Verdachts.

Künstlerisch fällt die Bilanz 2020 indes ambivalent aus. Große Erfolge konnte die Opernsparte mit den beiden szenischen Inszenierungen der “Elektra” und der “Cosi fan tutte” für sich verbuchen. Der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski stellte in seiner Eröffnungsinszenierung der Strauss-Oper eine ganz heutige “Elektra” auf die Bühne der Felsenreitschule, die archaische Titelfigur wurde in der Interpretation der Litauerin Ausrine Stundyte zur menschlichen Borderlinepersönlichkeit, Franz Welser-Möst führte die Wiener Philharmoniker variantenreich durch den Abend. Eine umjubelte Interpretation, die dem Stück zwar die antike Wucht nimmt, es andererseits aber zugänglicher macht.

Auf die Reduktion setzte tags darauf Christof Loy mit seiner ganz in Weiß gehaltenen Strichfassung der “Cosi fan tutte”. Die gemeinsam mit der im Anschluss gefeierten Debütdirigentin Joana Mallwitz erarbeitete, dank Corona um eine Dreiviertelstunde gekürzte Mozart-Fassung erwies sich als packendes, temporeiches Kammerspiel mit jungem Ensemble um Elsa Dreisig und Andre Schuen, das ganz und gar überzeugte.

Zwiespältiger fiel da die Bilanz im Schauspiel aus, wenn die wegen Regens nicht am Domplatz, sondern im Festspielhaus stattfindende “Jedermann”-Inszenierung von Michael Sturminger mit Titeldarsteller Tobias Moretti im vierten Jahr gewisse Ermüdungserscheinungen zeigte. Viele neue Nuancen wurden im Vergleich zum Vorjahr trotz Neo-Buhlschaft Caroline Peters mit einem stark ironisierten Showauftritt nicht geboten.

Mehr zur Pflicht als zur Kür entwickelte sich tags darauf die mit Spannung erwartete Uraufführung von “Zdenek Adamec” des Nobelpreisträgers Peter Handke. Regisseurin Friederike Heller ordnete sich in ihrer Inszenierung des Werks über einen 18-Jährigen, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannte, im Landestheater allerdings zu sehr dem Text unter. Sie hielt die Handke-Textblöcke im Ungewissen und produzierte damit über den Abend hinweg spürbare Längen.

Streckenweise berührend fiel die letzte szenische Premiere der heurigen Ausgabe aus, Milo Raus “Everywoman”, für die der Schweizer Regisseur Ursina Lardi im Dialog mit einer realen Krebspatientin in der Videoaufzeichnung setzte. Als Spiegelung des “Jedermann” wurde hier die weltliche Auseinandersetzung mit den Fragen von Tod und Leben zelebriert.

Wie ist Ihre Meinung?