Sarah Biasini nähert sich in „Die Schönheit des Himmels“ ihrer Mutter Romy Schneider an

Im Buch „Die Schönheit des Himmels“ (Zsolnay) verquickt Sarah Biasini die Geburt ihrer Tochter Anna mit den Erinnerungen an ihre Mutter Romy Schneider. Eine sensible Annäherung an die Leinwandgöttin und auch an den eigenen Schmerz. Und ein Ja zum Leben, das gar nicht so einfach zu bekommen ist.

Sarah Biasini © Patrice Normand

Erinnerung an die Mutter: „Man schleicht um das herum, was einem bekannt ist. Mag es noch so wenig sein.“

Sarah Biasini ist 4 Jahre alt, als ihre Mutter Romy Schneider am 29. Mai 1982 in Paris stirbt. Spür- und lesbar das Hadern der erwachsenen Sarah Biasini mit „Romy“, die der ganzen Welt gehört, nur ihr nicht. „Es gibt nichts Schöneres, als sie ,meine Mutter´ zu nennen. Niemand außer mir darf sie so nennen. Das lasse ich mir nicht nehmen.“

Bis nach Seite 50 von Biasinis Erinnerungsbuch „Die Schönheit des Himmels“ dauert es, bis auch der Filmstar, die Filmgöttin Romy in den Blick rückt. Ergriffenheit beim Anblick eines Coverfotos einer alten Kinozeitschrift, Dreharbeiten zu „Der Swimmingpool“ (La Piscine): „Was für eine Schönheit. In einem solchen Maße, dass es surreal wirkt.“

Als Kind durfte Biasini die Filme mit Romy als österreichischer Kaiserin sehen („Über die ,Sissis´ musste ich als kleines Mädchen natürlich lachen“), an die „reiferen“ Filme wagt sich Biasini erst viele Jahre später: „Meine Trauer machte mir Angst. Ihr Gesicht, ihre Stimme und unsere Blutsverwandtschaft faszinierten mich. Auch heute noch, wenn ich mir selbst zuhöre, werde ich rot, kauere mich zusammen und staune.“ Biasinis Vater, Daniel Biasini, kann sich diese Filme gar nicht ansehen. Es käme für ihn, mutmaßt die Tochter, „einer heftigen Ohrfeige gleich“.

Verschleppte Trauer und eine Beklemmung, die mit der Geburt der Tochter Anna wich: Sarah Biasini ©Patrice Normand

„Danke, liebe Schänder“

Sarah Biasini beginnt ihre Aufzeichnungen ausgerechnet mit einer Grabschändung. Das Grab ihrer Mutter, das Unbekannte in der Nacht des 1. Mai 2017 verwüsten. Als ordentliche Tochter kümmert sich Biasini um die Formalitäten. Die unangenehme Pflicht nimmt am Friedhof eine paradoxe Wendung. Freunde, Polizisten, Amtsträger und Steinmetze sind zugegen. Etwas wie Trauerarbeit? „Danke, meine lieben Schänder, für diese kleine Zeremonie für mich ganz allein. Damals war ich aus gutem Grund nicht bei der offiziellen Beerdigung mit all den anderen. Mit dem Rest der Welt. Kinder nimmt man bei so etwas nicht mit.“

Eine bis ins Erwachsenenalter verschleppte Trauer über den frühen Tod der Mutter. Eine Trauer, die sich etwa als Selbstbestrafung fünf Minuten vor den Bühnenauftritten der Schauspielerin Biasini äußerte: „Du wirst es nicht schaffen.“ (Psychoanalyse half, so Biasini, die negativsten Blockaden einigermaßen in den Griff zu bekommen.) 2018, ziemlich genau neun Monate nach der Grabschändung, kommt Biasinis Tochter Anna zur Welt. Eine späte Schwangerschaft, Biasini ist fast 40.

Eine Beklemmung löst sich, sie will sprechen, schreiben. „Die Schönheit des Himmels“ ist vor allem an die Tochter gerichtet. Im fiktiven Gespräch mit ihr kommen Erinnerungen hoch. Besuche bei Oma Magda Schneider, Romys Mutter, in Bayern. Magda, die durch den Besuch der kleinen Sarah schmerzhaft an den Tod ihrer Tochter und des Enkels David erinnert wird. In die Rolle der Oma, die Apfelstrudel auftischt, musste Magda hineinwachsen, schreibt Biasini. Zunächst flüchtete Magda bei Besuchen in ihre Hülle als Schauspielerin: „Sie wirft sich für uns in Schale, holt sämtlichen Schmuck heraus, ihre schönsten Kleider, und ihr letzter Ehemann scharwenzelt um sie herum wie ,ein Kammerherr´.“

„Was für eine Schönheit.“ Als geradezu „surreal“ empfand Sarah Biasini ihre Mutter Romy Schneider auf alten Aufnahmen. ©APA/dpa/Gerhard Rauchwetter

Voyeuristischer „Bockmist“

Der schreckliche Tod des Bruders David mit 14, ein Jahr, bevor Romy Schneider starb. Das „Schlimmste, das wir erlebt haben“. Unaussprechlich. David mochte die Bee Gees und aß fast überall Ketchup dazu, „sogar zu Joghurt“. Biasini lernt, sich kritisch mit den Bildern auseinanderzusetzen, die von ihrer Mutter in der Öffentlichkeit gezeichnet werden. Den Film „3 Tage in Quiberon“ von 2018, Marie Bäumer als Romy Schneider, hält Biasini für voyeuristischen „Bockmist“, bei dem sie sich „vor Wut in die rechte Hand beiße“. Ihre Mutter „hätte diesen Film auch gehasst, er wäre nie herausgekommen, wenn sie noch am Leben wäre“.

Durch das Schlüsselloch sah die vierjährige Sarah die tote Mutter auf dem Sofa liegen, die Sanitäter wie „Spinnen“ um sie bemüht. Viele Biografen zeichneten in den folgenden Jahren ein tristes Bild von Romy Schneider, „unglücklich, depressiv, abhängig“. Biasini hörte anderes: „So war deine Mutter nicht! Wenn man ihnen zuhört, bekommt man den Eindruck, dass sie den ganzen Tag geweint hat, aber das stimmt nicht! Sie hat gelacht! Wir haben stundenlang mit deiner Mutter gelacht!“ Sarahs Vater, Daniel Biasini, im Zitat: „Glaub mir, mein Schatz, ich habe mich gefragt, ob ich mit der, die sie beschreiben, wirklich zusammengelebt habe. Und, nein, das ist nicht die Frau, die ich gekannt habe, ganze elf Jahre lang!“

Sarah Biasini: „Die Schönheit des Himmels“. Aus dem Franz. von Theresa Benkert. Zsolnay, 192 Seiten, 22,70 Euro

Sarah Biasinis Ringen mit den Erinnerungen und ihren leeren Flecken wird bleiben. Doch am Ende des Schreibprozesses tut sich für sie ein Weg auf. Die schiere Existenz der Tochter – Biasini nennt Anna „Schönheit des Himmels“, verwirft im selben Moment selbstironisch die kitschige Bezeichnung – hat ihr wesentlich diesen Weg geöffnet: „Der Tod ist fruchtbar geworden. Er bringt eine Menge unglaublicher Dinge hervor für diejenigen, die bleiben. Ein Düngemittel für die Lebenden. So viele kleine verstreute Zeichen. Es gibt nicht unendlich viele Sichtweisen. Entweder folgst du den Toten, oder du bleibst am Leben. Es war gut, dass ich gewartet habe, du bist gekommen.“

Von Christian Pichler

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