„Scheiss-Macho-Jugo-Dreck“

Tonio Schachingers Debüt „Nicht wie ihr“ taucht ein in die Fußballerwelt

Der Autor und sein Werk. Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Kremayr und Scheriau, 304 Seiten, € 22,90 © APA/H. Punz

Von Mariella Moshammer

Es sind so viele Dinge, über die Ivo nachdenkt. Aber am Ende des Tages, wenn es wirklich zählt, dann ist es die rote Karte, die der Schiedsrichter in dein Gesicht hält. „Wie weit der Weg vom Feld in den Kabinengang ist, merkt man erst, wenn man ihn alleine geht …“

Ivo führt ein Leben, das sich viele vorstellen können, aber von dem keiner auch nur den Hauch einer Ahnung hat. Er ist Fußballer — nicht einer der ganz, ganz erfolgreichen, aber einer von denen, die 100.000 Euro verdienen — in der Woche, „das Sponsoring nicht eingerechnet“. Einer, der gleich mehrere Megaautos sein Eigen nennt, für den purer Luxus Alltag ist.

Tonio Schachinger hat einen Coup gelandet. Der 27-jährige Schriftsteller hat sich einen scheinbar fiktiven Charakter ausgedacht und mit einer so coolen Selbstverständlichkeit über dessen Leben geschrieben, dass es eine wahre Freude ist, Ivo darin zu folgen. „Nicht wie ihr“ist Schachingers Romandebüt.

Ivos Leben ist geprägt vom Fußball, der Rest arrangiert sich darum herum: Frau, Kinder, neue und alte Freunde … Nur Mirna, seine große Liebe aus den Jugendtagen in Wien, die nimmt plötzlich einen großen Platz in Ivos überbordender Gedankenwelt ein und macht sein Leben interessanter als das zigte Auto oder Spiel es je machen könnten.

Reale Fußballer an der Seite des fiktiven Ivo

Schachinger ist ein witziger Autor. Heißen tut er eigentlich Antonio Schachinger, aber genauso wie Tonio Schachinger irgendwie genau diesen Fußballton trifft, tut es Ivica Trifunovic, der ja auch ganz klar Marko Arnautovic ist. Diesem fiktiven Ivo stellt Schachinger „reale“ Fußballer an die Seite, soweit man diese Figuren überhaupt real nennen kann und nicht Marken oder so. Auch der „reale“ Arnautovic kommt dann wie selbstverständlich vor und stört das Bild kein bisschen.

Mit Journalisten geht Ivo hart ins Gericht, sind sie doch immer nur Nutznießer anderer, nie selbst Agierende. Auch das Thema „Migrationshintergrund“ geht dem Fußballer sensationell einleuchtend durch den Kopf. Zwar würde er jedem „sofort in die Pappn hauen“, der ihn Tschusch nennt, doch lieber wäre er ihm allemal, als der, der ihn „Mensch mit Migrationshintergrund“ nennt und eh Tschusch meint … Warum das Schöne und die Deutschen nicht zusammengehen. Wie Sponsoring und der Transfermarkt funktionieren. Wie sich das mit den Tätowierungen und den Fußballern verhält und wo der Unterschied zwischen Rappern und den Sportlern liegt. All das behandelt „Nicht wie ihr“ — natürlich auch mit Griffen in die Klischeekiste, aber warum nicht? Selten wurde das so charmant und witzig gemacht. Am Ende mag man den Ivo richtig gern leiden und man — ich — wünschte, er hätte die Mirna gekriegt und sie hätte ihn nicht abserviert mit „Das ist echt krank Ivo, das ist genau dieser Scheiß-Macho-Jugo-Dreck, den ich nicht mehr wollte.“ Dann wäre der gute Ivo übrig geblieben … vielleicht. So ist es am Ende eben die rote Karte, die Ivo am meisten beschäftigt.

Tonio Schachinger ist übrigens unter den sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis. Das hat den jungen österreichischen Autor überrascht, mich nicht.

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