„Schlagbaum auf und alle raus“

„Wenn die Aktivisten auch ökonomische Fragen miteinbeziehen, könnte ihr Protest wahrscheinlich die Massen mobilisieren“, analysierte die CIA bereits 1988 die Lage in der DDR. Immer mehr Bürger traten vor und gaben jenem Mut Raum, den das System der SED vier Jahrzehnte lang mit unterdrückenden, menschenverachtenden, freiheitsberaubenden Maßnahmen verhindert hat. Als Anfang 1989 in Polen die erste freie Gewerkschaft Solidarnosc anerkannt wurde, begann der Zerfall des sozialistischen Systems im Osten Europas und fand einen seiner Höhepunkte vor 30 Jahren, am 9. November 1989 in Berlin, der geteilten Stadt. Das Protokoll der Ereignisse, die die Welt verändert haben.

Das Archivbild vom 09.11.1989 zeigt jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. Nach der …ffnung eines Teils der deutsch-deutschen GrenzŸbergŠnge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-BŸrger fŸr einen kurzen Besuch in den Westen. In der Folge wurde die innerdeutsche Grenze abgebaut, seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland wieder vereint. © dpa

Text: Mariella Moshammer
Bereits in der Nacht zum 11. September 1989 konnten mehr als 10.000 DDR-Bürger ihre Heimat durch die am 27. Juni symbolisch durch die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, geöffnete Grenze zwischen Ungarn und Österreich verlassen. Auch im Prager Botschaftskonflikt lenkte die Deutsche Demokratische Republik ein — auf Druck der Sowjetunion. Auf den „großen Bruder“ konnte die DDR nicht mehr zählen, als sich die Lage dort im Herbst immer mehr zuspitzte. In Leipzig demonstrierten an jedem 7. des Monats Abertausende, in Ostberlin gingen die Menschen für ihr Recht auf Reise-, Meinungs- und Pressefreiheit auf die Straße, machten am 4. November den Alexanderplatz zu einem Ort des friedlichen Widerstands. 70.000 zogen am 9. Oktober 1989 durch Leipzig, vorbei an den Uniformierten der Volkspolizei, den Mächtigen des Ministeriums für Staatssicherheit. Dort verlor man die Macht Stück für Stück, hatte die Lage nicht mehr im Griff.

Zahl der Ausreiseanträge stieg stetig an

Der Zusammenbruch des Regimes der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon langfristig abgezeichnet. Neben immer größer werdenden ökonomischen Problemen und dem Unvermögen der Reform innerhalb des Ostblocks, der sich seit dem Machtantritt Michal Gorbatschows 1985 stark veränderte, wurde die Zahl der Menschen, die die DDR unter allen Umständen verlassen wollten, immer höher. Die Fluchtbewegung wurde größer, die Zahl der Ausreiseanträge stieg stetig. Als die SED-Führung dann die Ergebnisse der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 — wie gewohnt — manipulierte, schluckten die Bürger das nicht mehr. Die Opposition deckte die Manipulation auf, Bürger erhoben amtlich Einspruch. Der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, wies die Sicherheitsorgane an, jeden Bürger, der sich über die Inkorrektheit des Wahlverfahrens beschwere, darüber zu informieren, dass „keine Anhaltspunkte für den Verdacht einer Straftat vorliegen.“ Die Isoliertheit der DDR innerhalb der ehemaligen Verbündeten, der Reformunwille und der verlorene Rückhalt durch die UdSSR brachten den Staat ins Wanken. Die Menschen empörte auch die zustimmende Reaktion Ostberlins auf die brutale Niederschlagung der Studentenrebellion in Peking auf dem Tian’anmen-Platz.
Am 9. November tagte das Zentralkomitee (ZK) der SED, es war der zweite von drei Sitzungstagen. Man beriet sich über die hohe Westverschuldung, die Massendemonstrationen in Leipzig und Ostberlin, neue Reiseregelungen. „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden.“ Generalsekretär Egon Krenz, der nach der Absetzung Erich Honeckers als Generalsekretär der SED dessen Posten übernommen hatte, trug dieses Reise-Papier vor, Günter Schabowski fehlte dabei. Das SED-Politbüro-Mitglied bereitete eine Pressekonferenz vor, in der internationale Medien über den Sitzungstag des ZK informiert werden sollten. In Kraft treten sollte die Reisebestimmung erst am 10. November. Damit wäre genug Zeit geblieben, die zuständigen Grenzbehörden rechtzeitig zu informieren — soweit der Plan. Doch die Ereignisse am Abend des 9. November verliefen nicht nach Plan.

Legendäre Pressekonferenz mit legendärem „Fehler“

Um 18 Uhr begann Schabowski mit seiner Pressekonferenz, auf Nachfrage las er das Exemplar des Ministerratsbeschlusses vor, das Krenz ihm im Vorbeigehen ausgehändigt hatte. „Sofort, unverzüglich“ trete seiner Kenntnis nach diese Regelung in Kraft, sagte Schabowski. Nur Minuten später lief die Meldung über die Ticker, die Eilmeldung der Nachrichtenagentur AP trug die Überschrift: „DDR öffnet Grenzen“. Mit der gleichen Schlagzeile begann um 20 Uhr die Tagesschau.
Beabsichtigt war, dass DDR-Bürger reisen und ausreisen dürften, aber nach wie vor mit einem Visum. Die Richtung, die die Medien den Äußerungen Schabowskis gaben, ließen eine Eigendynamik entstehen. Bereits um 20 Uhr trafen die ersten Ostberliner am Grenzübergang Bornholmer Straße ein.
Dort hatten die Grenzwächter keinen Befehl, keine Weisung erhalten. Dann hieß es, sie sollen die Grenzübergänge halten. Dienst schob an der Bösebrücke (benannt nach Wilhelm Böse, einem NS-Widerstandskämpfer) an diesem Abend Oberstleutnant Harald Jäger. Die Pressekonferenz von SED-Funktionär Günter Schabowski hatte er zufällig gesehen, erzählte Jäger 2014 der Taz in einem Interview: „Mir blieb buchstäblich der Bissen im Hals stecken, als Schabowski sagte: ,Das gilt sofort und unverzüglich.’

Das hieß für mich im Amtsdeutsch: ohne Verzug! Also ohne Bedingung, ohne Vorlage von Dokumenten.“ Dem Kollegen sagte er auf Anweisung eines Oberst in der Hauptabteilung, den er angerufen hatte: „Wenn welche kommen, schick’ die wieder zurück.“ Alle sollten ein Visum beantragen und das würde sechs Wochen dauern. Doch die Menschen vor dem Grenzübergang zwischen Prenzlauer Berg im Osten und dem Wedding im Westen wurden immer mehr. „Gegen 22 Uhr standen da einige Hundert — und wir waren nur 14 Mann.“ Auch die Aufstockung des Postens auf 48 Mann brachte kaum Erleichterung.

„Harald, das war’s wohl mit der DDR“

„Die Leute riefen: ,Wir wollen raus!’, das ging den ganzen Abend so.“ Von den Vorgesetzten am Telefon kam keine Hilfe, irgendwann der Befehl „die größten Schreihälse gruppenweise ausreisen zu lassen, aber mit dem Stempel halb auf dem Lichtbild — als Zeichen, dass sie nicht wieder einreisen dürfen.“ Damit wurde den DDR-Bürgern die Staatsbürgerschaft aberkannt, sie wurden staatenlos. An die 500 Bürger wurden gegen 23 Uhr über die Grenze gelassen, viele kamen wieder und Jäger wies die Grenzsoldaten an, alle wieder einreisen zu lassen. „Um 23.20 Uhr war mir angesichts der Menschenmassen klar, dass ich nur noch eines machen kann. Ich gab also den Befehl: ,Alle Kontrollen einstellen, Schlagbaum auf und alle raus!’ Mir war zum ersten Mal alles egal.“
Ein Stellvertreter Jägers meinte ein paar Minuten später: „Harald, das war’s wohl mit der DDR.“ Die meisten DDR-Bürger machten ihren Ausflug in den Westen jedoch recht kurz, schauten sich den Ku’damm an. Viele waren losgefahren, nachdem sie die Nachrichten gehört hatten, die Kinder schliefen in ihren Betten in Ostberlin. Bis zum Wochenende sind dann mehr als 400.000 über unseren Kontrollpunkt ausgereist — nur ganz wenige sind mit Sack und Pack nach drüben“, berichtet Jäger, für den dieser Dienst in den Morgenstunden des 10. November 1989 zu Ende ging. In den Westen kam er als damaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit erst im Jänner. „Die 100 Mark Begrüßungsgeld habe ich mir aber natürlich geholt, ich dachte mir: Die schenkst du dem Klassenfeind nicht!“

27. Juni 1989: Die ehemaligen Außenminister Alois Mock (Österreich, l) und Gyula Horn (Ungarn, r), beim Durchschneiden des „Eisernen Vorhanges“ an der ungarischen Grenze zu Österreich.

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