Schlumberger verschiebt Produktionsverlagerung

Schlumberger verschiebt die geplante Produktionsverlagerung von Wien nach Müllendorf im Burgenland. Wegen Anrainerbeschwerden will der Sekthersteller nun kein Hochlager errichten, der Baustart war ursprünglich für 2019 geplant inklusive Umzug im Jahr 2021. Nun soll nur die Sektproduktion nach Müllendorf, nicht aber das Lager, sagte Schlumberger-Chef Arno Lippert zur APA.

Die Produktionsstätte in Wien-Heiligenstadt soll nach Müllendorf verlagert werden, die Kellerwelten sowie die Firmenzentrale aber in Wien verbleiben. Der geplante Bau eines 33 Meter hohen Lagers in Müllendorf durch Schlumberger sorgte in den vergangenen Monaten auf Lokalebene für einige Diskussionen. Erwartet wurde von Projektkritikern ein deutlich höheres Verkehrsaufkommen wegen des Lagers. Laut Medienberichten stand eine Volksbefragung im Raum. “Wir müssen das Konzept neu denken”, sagte Lippert.

Schlumberger wollte ursprünglich rund 70 Mio. Euro in die neue Produktion und das Lager im Burgenland investieren und bis zu 60 Jobs schaffen. Der Sekthersteller hat für das Projekt bereits ein 122.000 Quadratmeter großes Grundstück im Wirtschaftspark der Gemeinde Müllendorf gekauft. Der Schlumberger-Chef will am Bau der neuen Sektkellerei festhalten. Es gebe aber “kein Datum” für den Baubeginn. Der Produktionsstandort in Wien Heiligenstadt sei für Lkw verkehrstechnisch nicht gut erreichbar und der Standort stoße bald an seine Produktionsgrenzen, so Lippert. Bereits der Ausbau des Schlumberger-Standorts in Bad Vöslau (NÖ) scheiterte an Anrainerprotesten.

Die Verschiebung der Produktionsverlagerung löste in der burgenländischen Landesregierung Besorgnis aus: SPÖ-Landesrat Christian Illedits bedauerte die Entscheidung. Stein des Anstoßes ist der geplante Bau eines Hochlagers. Ursprünglich hätte es nur 26 Meter hoch sein sollen, aber laut Landesrat Illedits habe sich die Höhe von 33 Metern durch die Planungen ergeben. Der von dem Gebäude geworfene Schatten hätte die Ernte am benachbarten Feld eines Landwirts beeinträchtigt, weshalb die örtliche ÖVP eine Volksbefragung wollte, die aber nicht zustande kam.

“Es passiert regelmäßig, die Bebauungsvorschriften den Notwendigkeiten anzupassen”, sagte Illedits in einer Pressekonferenz in Eisenstadt. Er hätte sich jedenfalls erwartet, dass die Landes-ÖVP in Müllendorf kalmierend eingreife. Illedits sprach in Bezug auf die Volksbefragung u.a. von einem “sehr bedenklichen Ansatz, mit direktdemokratischen Instrumenten muss man sehr sorgsam umgehen”.

Er glaube nicht, dass das Projekt nun als ganzes infrage stehe. Aber es sei schon so, dass ein Unternehmen sich auf Zusagen müsse verlassen können. Man werde seitens der Landesregierung das Gespräch mit Schlumberger suchen. Immerhin gehe es für das Burgenland um rund 80 Jobs in der ersten Phase und rund 150 im Endausbau, auch wenn man nun wohl mit einer Reduzierung der geplanten Jobzahl rechnen müsse. Er sehe nun schon zum zweiten Mal einen “Anschlag der früheren Wirtschaftspartei ÖVP auf die arbeitende Bevölkerung und auf die Beschäftigungspolitik des Landes”. Der erste “Anschlag” sei die Einstellung der Aktion 20.000 gewesen.

Der burgenländische Wirtschaftslandesrat Alexander Petschnig (FPÖ) rechnet bei der abgespeckten Ansiedelung der Schlumberger-Sektproduktion in Müllendorf bei Eisenstadt mit 20 bis 25 Prozent weniger Investitionsvolumen. Der FPÖ-Landesrat und der Geschäftsführer der Wirtschaft Burgenland (WiBuG), Harald Zagiczek, betonte u.a., es gehe auch darum, die Reputation des Wirtschaftsstandortes Burgenland aufrechterhalten.

Die von der SPÖ kritisierte ÖVP deponierte hingegen, ihr sei die Meinung der Bürger wichtig. Rot-Blau habe Schlumberger scheinbar das Gelbe vom Ei versprochen. “Jetzt können die Versprechen nicht gehalten werden und die SPÖ muss einen Schuldigen finden”, so Landesgeschäftsführer Christoph Wolf und die Bezirks- bzw. Gemeindeparteichefs, Christoph Zarits und Berthold Pavitsich. Wenn die Bürger mit einer geplanten Betriebsansiedelung nicht zufrieden seien, müsse man diese Bedenken ernst nehmen.

Die Schlumberger-Unternehmensgruppe, zu der auch die Sekt-Marken Goldeck und Hochriegl sowie die Schokoladen-Spirituose Mozart zählen, hat mit der Sektproduktion und dem Spirituosen-Vertrieb bei stagnierenden Erlösen einen höheren Gewinn gemacht. Der Umsatz lag 2018 bei 181 Mio. Euro nach 182 Mio. Euro im Jahr davor, der Betriebsgewinn (EBIT) stieg von 6 auf 7 Mio. Euro. Der leichte Umsatzrückgang ist laut Schlumberger auf eine Steuerumstellung in den Niederlanden zurückzuführen. Schlumberger gehört zu rund 99 Prozent der Sastre Holding mit Sitz in der Schweiz (Lausanne). Diese gehört über eine Stiftung dem deutsch-schwedischen Unternehmer Frederik Paulsen Jun.

Seit der Einführung der Schaumweinsteuer im Jahr 2014 ist der Sektflaschenabsatz im österreichischen Handel um rund ein Viertel eingebrochen. Die bis Mai 2019 im Amt befindliche ÖVP/FPÖ-Regierung hatte eine Abschaffung der Schaumweinsteuer angekündigt. Derzeit sind pro Flasche Sekt und Champagner (0,75 Liter) 75 Cent fällig. Rechnet man die 20 Prozent Umsatzsteuer (15 Cent) dazu, kommt man auf 90 Cent. Weinhaltige Getränke mit Kohlensäuredruck unter 3 bar – etwa Frizzante-Produkte – unterliegen nicht der Schaumweinsteuer. Wenn nach den Wahlen im Herbst die neue Regierung steht, wollen die Sekthersteller wieder für ein Ende der Schaumweinsteuer lobbyieren.

Schlumberger konnte nach eigenen Angaben den Sektabsatz im vergangenen Jahr steigern. Der Absatz der Marke Schlumberger stieg um 4,2 Prozent, der Umsatz um 4,9 Prozent. Der Schlumberger-Marktanteil im Handel lag absatzmäßig bei 5 Prozent und umsatzmäßig bei 12,5 Prozent. Schlumberger-Sekt kostet im Handel ohne Aktion 14,99 Euro. Der Preis blieb 2018 unverändert und soll auch 2019 nicht erhöht werden. Die neu eingeführte Gastronomie-Marke “Schlumberger Reserve” habe den Umsatz angekurbelt, so der Firmenchef. Beim “Reserve” werden nur österreichische Trauben aus einem Bundesland verarbeitet. Bei der Flaschengärung gibt es eine mindestens 18-monatige Reifung. Die zur Schlumberger-Firmengruppe gehörende Marke Hochriegl liegt umsatzmäßig bei einem Marktanteil von 14,5 Prozent.

Die Unternehmensgruppe macht in Österreich jeweils rund 45 Mio. Euro Umsatz mit Sekt und mit dem Vertrieb von Marken-Spirituosen (u.a. Cointreau, Metaxa, Pitu, Remy Martin, Stolichnaya), 90 Mio. Euro werden im Export mit Sekt lukriert. “Der Absatz stagniert bei Spirituosen. Der Konsument trinkt weniger, will aber höhere Qualität”, sagte der Schlumberger-Chef. Die Wodka-Vorliebe ebbe ab, der Trend zu Gin und Whisky gehe weiter, Rum komme, prognostiziert Lippert.

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