Schnörkelloser „Macbeth“ mit Tiefgang in Linz

Schnörkellos, ernst und dem Text Raum gebend – die Premiere von William Shakespeares „Macbeth“ in der Fassung von Heiner Müller Samstagabend in den Linzer Kammerspielen hat den Nerv von Literaturfreunden getroffen. Ab und zu spritzt Blut, gelegentlich fliegen herrenlos gewordene Körperteile herum – vom moderaten Einsatz dieser Grauslichkeiten abgesehen gibt sich die Inszenierung von Schauspielchef Stephan Suschke aber nicht der Versuchung hin, die Bühne in Blut zu ertränken.

Es ist düster, Nebel wabert herum, der Thron des von Bürgerkrieg und Aufständen gebeutelten Schottland ist auf Momme Röhrbeins Bühne aus Lumpen und Leichen gebaut. Macbeth dürstet es nach erfolgreicher Schlacht und angestiftet durch eine Prophezeiung nach der Krone. Bestärkt durch seine ehrgeizige Frau tötet er König Duncan und wird sein Nachfolger. Bei diesem einen Mord bleibt es aber nicht: Um die Macht zu behalten, muss er Mitwisser und Konkurrenten ausschalten. Die Blutspur, die er hinter sich herzieht, lässt sich kaum mehr verbergen. Lady Macbeth verfällt zunehmend dem Wahnsinn, während ihr Gatte einsehen muss, dass er nicht unbesiegbar ist.

Auf die Bühne der Kammerspiele kam die Überschreibung des Shakespeare-Klassikers von Heiner Müller. Stephan Suschke, einst Regiemitarbeiter des ostdeutschen Dramatikers, beschreibt den Unterschied selbst so: „Shakespeare hatte noch Hoffnung, Müller nicht.“ Müllers Shakespeare ist noch fatalistischer und resignierender vor dem Bösen. Im Zentrum steht weniger die vom Morden zerfressene Seele, mehr die Dreckigkeit der Machtpolitik. Parallelen zum derzeitigen Weltgeschehen drängen sich geradezu auf, Suschke überlässt es aber dem Publikum, sich seine Gedanken dazu zu machen. Keine Putin-Andeutungen, die martialischen Mäntel und Stiefel (Kostüme: Angelika Rieck) erinnern eher an die Nazizeit.

Übermäßige Effekthascherei ist Suschkes Sache nicht. Natürlich kommt auch er bei Macbeth nicht ohne Blut und menschliche Fleischbrocken aus – aber nicht zulasten des Tiefgangs. Letztlich konzentriert sich seine Inszenierung vor allem auf die Sprache. Das Ensemble, allen voran Alexander Hetterle als Macbeth, ist extrem textsicher, schön herausgearbeitet sind die geflüsterten inneren Monologe Macbeths, der seine Schuldgefühle und die Panik eines paranoiden Serientäters, dessen Verbrechen sich allmählich nicht mehr verbergen lassen, immer wieder wegschiebt. Ein Bankett für seinen gewaltsam zu Tode gekommenen Freund Banquo gerät zum Zombieball. Theresa Palfi als Lady Macbeth, anfangs ehrgeizzerfressene treibende Kraft hinter dem mordlustigen Treiben, kann das Blut, das an ihren Händen klebt, nicht mehr wegwaschen.

Das restliche Ensemble ist jeweils in mehreren Rollen aktiv, insgesamt ist die Produktion eine sehr solide Teamleistung. Neben Landestheater-Fixgrößen wie Alexander Julian Meile oder Helmuth Häusler schlagen sich mit einem ausdrucksstarken Nils Thomas und einem für die eingestreuten Prisen Humor zuständigen Kaspar Simonischek auch zwei Mitglieder des Schauspielstudios beachtlich.

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(S E R V I C E – „Macbeth“ von Heiner Müller nach William Shakespeare, Inszenierung: Stephan Suschke, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüme: Angelika Rieck, Musik: Joachim Werner, Dramaturgie: Martin Mader. Mit Alexander Hetterle (Macbeth), Theresa Palfi (Lady Macbeth), Alexander Julian Meile (Banquo u.a.), Lutz Zeidler (Duncan u.a.), Klaus Müller-Beck (Lenox u.a.), Helmuth Häusler (Rosse u.a.), Christian Taubenheim (Malcolm u.a.), Angela Waidmann (Lady Macduff u.a.), Nils Thomas (Macduff u.a.), Kaspar Simonischek (Seyton u.a.). Weitere Vorstellungen am 8., 19., 24., 28. Juni, 1., 5. Juli 2022, Landestheater Linz, Kammerspiele. )

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