Schröder oder die Liebe zur Moderne

In der Albertina in Wien können große neue Ausstellungen besichtigt werden

„Totes Bein“(2007) von Richard Deacon aus „My Generation. Die Sammlung Jablonka“
„Totes Bein“(2007) von Richard Deacon aus „My Generation. Die Sammlung Jablonka“ © Richard Deacon

Wenn man Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, gebürtiger Linzer, fragt, ob sich sein Interesse in der letzten Zeit ausschließlich der Moderne zugewandt hat, weist er darauf hin, dass er von seinen Anfängen an (1999) „doppelt“ gefahren ist — die großen Klassiker und Namen, die ihm sensationelle Besucherzahlen gebracht haben und schon von Anfang an die Moderne.

Alles Geld, das ihm für Ankäufe zur Verfügung stand, hat er stets auf zeitgenössische Kunst verwendet. Seine Neuerwerbungen bestehen mittlerweile aus 60.000 Werken von 5000 Künstlern. Außerdem ist er einer jener Direktoren, die ununterbrochen Schenkungen erhalten.

Ein „Spaziergang“ durch Gegenwartskunst

Sein jüngstes Großunternehmen ist die ALBERTINA MODERN — Schröder konnte die Sammlung Essl aus Klosterneuburg mit dem Sponsor Hans Peter Haselsteiner zusammenbringen und das Künstlerhaus für sein Unternehmen als Wiener Kunst-Schauplatz einsetzen. Die erste Ausstellung, „The Beginning“, ist im Mai 2020 eröffnet worden und hat sich mit österreichischer Kunst nach 1945 befasst.

Die zweite Ausstellung nennt sich „The Essl Collection“ (bis 25. April 2021): Hier sind von den 7000 Objekten der Sammlung gut 130 Stücke ausgestellt, eine Auswahl, die in ihrer Buntheit — sowohl was die Verschiedenheit wie die Farbigkeit der vielen, oft großformatigen Objekte betrifft — geradezu überwältigt. Man sieht — das Sammler-Ehepaar Essl hat sich in seinen Interessen nie auf bestimmte Genres beschränkt. Neben Gemälden sind Skulpturen wie Installationen reichlich vertreten, und die im Untergeschoß gezeigten Fotografien (bis 5. April) faszinieren nicht minder. Diesmal geht es nicht nur um den Blick auf Österreich, sondern um Weltkunst. Schon das im ersten Saal zentral angebrachte, über die ganze Breite der Wand überdimensioinal wirkende Tableau „Bloody People“ von Gilbert & George schlägt den Ton an — eine Mischung aus Verwirrung und hoher Ästhetik, der man bei vielen der gezeigten Werke begegnet, die teils faszinieren, teils von bekannten Künstlern stammen, teils Neues zeigen. Ein „Spaziergang“ durch Gegenwartskunst, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Im Haupthaus, Albertina/Bateihalle und Pfeilerhalle, gibt es gewissermaßen ein Pendant zu dieser Ausstellung: Rafael Jablonka, heute bekannter deutscher Kunsthändler, ist einer der großen Sammler unserer Zeit. Er hat seine Sammlung für vorerst sieben Jahre der Albertina überlassen, wobei sich die nun gezeigte Ausstellung „My Generation“ (bis 5. April) auf die Kunst der achtziger Jahre bezieht.

Ein alternatives Kunstverständnis

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Der Besitzer selbst hat kuratiert und rund 110 teils hoch spektakuläre Werke zusammen gestellt, die ja auch schon ein paar Jahrzehnte alt — und „Kunstgeschichte“ geworden sind, wenn auch ein mit Nylonsäcken bepacktes Fahrrad einst gewirkt haben mag, als ob man es einem Sandler weggenommen und ins Museum gestellt hätte … Heute weiß man, was Andreas Salominski damit sagen wollte. Dennoch sind nicht alle Künstler „weltberühmt“ geworden, aber ihr Beitrag zu einem alternativen Kunstverständnis wird deutlich.

In den Räumen der Albertina/ Propter Homines Halle würde derzeit, wäre die Welt nicht durch Corona aus der Bahn geworfen worden, eine Modigliani/Picasso-Ausstellung stattfinden, aber das ist im Moment weder finanzierbar noch praktisch durchführbar. So ging Klaus Schröder in die eigenen Bestände und suchte Werke, die in Schwarz/Weiß gehalten sind. Angesichts seiner Besitztümer war es nicht schwer, hier eine mit über 50 Werken geradezu faszinierend vielfältige Schau unter dem Titel „Schwarz Weiß & Grau“ (bis 14. März) zusammenzustellen.

Digitale Medien als Vorgabe der Künstler

Dabei wird ein besonderer Aspekt klar, wie Schröder betonte: War früher mehr oder minder die „Natur“ die Vorgabe der Künstler, so sind es längst die digitalen Medien — Bildmaterial, das von da kommt, ist meist die Grundlage für weitere Interpretation. Manches springt dem Zuschauer entgegen, wenn Robert Longo etwa die ehemalige Eingangstür zur Praxis von Sigmund Freud bearbeitet. Aber auch Österreicher kommen zu Wort, ob die Grazerin Sonja Gangl, die Salzburgerin Ulrike Lienbacher, ob die Linzer Hauenschild Ritter. Und weil auch für Schröder der Kunstbegriff so breit ist, finden sich bei ihm eine Papierinstallation von Birgit Knoechl oder eine Drahtskulptur von Fritz Panzer. Freunde der Moderne werden in der Albertina reich bedient. Wird Schröder allein auf diesem Weg weitergehen? Keinesfalls, wehrt er ab. Ab 26. März ist eine klassische Großausstellung „Stadt — Land. Von Albrecht Dürer bis Paul Klee“ geplant.

Von Renate Wagner

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