Elisabeth Leopold: „Seine Schwester erzählte uns viel von Schiele“

Gespräch mit Museums-Grande-Dame und Sammlerwitwe Elisabeth Leopold (94)

Sammlerwitwe Elisabeth Leopold
Sammlerwitwe Elisabeth Leopold © APA/Neubauer

Elisabeth Leopold, Grand Dame der Wiener Museumsszene, feiert am 3. März ihren 95. Geburtstag.

Das Geschenk dazu hat sie sich selbst und ihrem verstorbenen Gatten gemacht: Dessen berühmtes Standard-Werk über Egon Schiele, 1972 ein Bestseller des Residenz Verlags und längst nur mehr teuer in Antiquariaten zu finden, wurde vom Hirmer Verlag neu heraus gebracht. Ein über fünf Kilo schweres Fest für Kunstfreunde

VOLKSBLATT: Das Museum, das den Namen von Ihrem Gatten und Ihnen trägt, wirbt stolz damit, „die weltgrößte Schiele-Sammlung“ zu besitzen. Erinnern Sie sich eigentlich noch daran, wie das erste Schiele-Bild in das Leben Ihres Mannes kam?

ELISABETH LEOPOLD: Natürlich, es war die Gouache „Tote Stadt“ von 1910, die er gekauft hat. Das war 1948, da war er Anfang 20 und studierte Augenheilkunde, wie ich auch. Damals haben wir uns kennengelernt, 1953 haben wir geheiratet. Ich habe miterlebt, wie sein Interesse für Kunst zuerst an den Meisterwerken des Kunsthistorischen Museums entzündet wurde, aber dann kaufte er ein Buch über Schiele und war fasziniert: „Das ist einer, der technisch so großartig ist wie die alten Meister, aber nicht Madonnen und Prinzessinnen malt, sondern unsere Themen.“ Und so kam der Stein ins Rollen. Bis zu seinem Tod hat er 45 Werke von Schiele gekauft, 40 davon befinden sich im Leopold Museum. Tatsächlich hat mein Mann durch seine Arbeit Schiele so weltberühmt gemacht, dass wir uns seine Bilder dann nicht mehr leisten konnten …

Wann hat Ihr Mann angefangen, sich wissenschaftlich mit Schiele zu beschäftigen?

Von Anfang an. Vor allem gab es nach dem Krieg ja noch viele Menschen, die Schiele gekannt haben — er ist ja 1918 mit nur 28 Jahren gestorben. Mit seiner Schwester Melanie Schuster, die bis 1974 gelebt hat, waren wir gut befreundet und konnten einiges von ihr kaufen. Sie erzählte uns vieles wie auch andere seiner Zeitgenossen.

1972 gingen dann die Erkenntnisse meines Mannes in sein Schiele-Buch ein, das jetzt in genau derselben Form erschienen ist wie damals, ergänzt nur um die Erkenntnisse, die er selbst noch einfügen wollte und in den letzten fast 50 Jahren dazu gekommen sind.

Sie haben gesagt, Sie würden gerne wieder einmal ein Schiele-Symposion veranstalten. Gibt es über einen Künstler, der von der Wissenschaft wirklich gedreht und gewendet und von allen Seiten betrachtet wurde, noch Neues zu sagen?

Na, selbstverständlich! Ich finde zum Beispiel, dass die Beziehung Klimt/Schiele noch nicht ausführlich genug behandelt wurde. Klimt war ein so wunderbar großzügiger Mensch, der als Künstler ohne Eifersucht war, der es für richtig hielt, dass die Jugend ihn „überholen“ würde, und der besonders Schiele gefördert und ihm geholfen hat. Auch der Vorwurf der Pornografie, den man Schiele noch immer macht, ist nicht ausgeräumt. Es gibt noch vieles zu sagen – Schiele ist ein ewiges Thema.

Und was würden Sie sich persönlich demnächst als Ausstellung im Leopold Museum wünschen? Ihr Mann hat ja weit über Wien um 1900 hinaus gesammelt, bis in seine damalige Gegenwart.

Besonders interessiert hat ihn auch die Zeit nach 1918, als Österreich ein kleines Rumpfland war, von dem alle anderen Teile der Habsburger-Monarchie abgebrochen waren. Und wie so oft in schlimmen, aussichtslosen Zeiten blühte die Kunst – da war Anton Faistauer in Salzburg, da war Anton Kolig in Nötsch, da war Herbert Boeckl in Wien, alle grandiose Maler und Farbkünstler. Unser aus Oberösterreich stammender Direktor Hans-Peter Wipplinger denkt angesichts der derzeitigen Situation an eine „budget-schonende“ Ausstellung, und das würde es sein, denn wir könnten sie ganz aus unseren Beständen bestreiten.

Mit ELISABETH LEOPOLD sprach Renate Wagner

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