Sergey Malov-Konzert brachte in vielerlei Hinsicht Überraschungen

Stargeiger überzeugte auf ganzer Linie vor überschaubarem Publikum

Virtuose Malov setzte elektronisch gesteuerte Geigen ein und schreckte nicht vor der „Nullten“ zurück.
Virtuose Malov setzte elektronisch gesteuerte Geigen ein und schreckte nicht vor der „Nullten“ zurück. © Reinhard Winkler

Im Rahmen des Brucknerfestes fand am Mittwoch im Brucknerhaus ein bemerkenswertes Konzert statt. Ausführend war das Neue Orchester, das erste deutsche Originalklang Ensemble, welches sich aufführungspraktisch auch auf die Musik der Romantik spezialisiert hat.

Dies wurde am Mittwochabend erfolgreich manifestiert, indem Darmsaiten und zeitgenössische Instrumente zum Klingen gebracht wurden, insgesamt gewöhnungsbedürftig, aber letztendlich sehr angenehm zum Erleben.

Dirigent des Ensembles ist Christoph Spering, ein Spezialist für historische Aufführungspraxis. Als Leiter dieses Orchesters ist er aber manchmal zu akademisch, das heißt wenig emotional.

Überzeugender Solist im zu großen Saal

Der als Stargeiger angekündigte Sergey Malov, ein Vollblutmusiker russisch-ungarischer Abstammung, derzeit in Zürich lebend, wurde seiner Rolle als Solist mit dem Brahms-Konzert vollauf gerecht. Schade, dass trotz großer Publicity für Malov das Interesse für den Solisten eher gering war: Der wegen Corona ohnehin auf rund 500 Plätze reduzierte Große Saal war in manchen Bereichen sehr schütter besetzt. Es ist für die Zukunft zu überlegen, auf Experimente dieser Art – unbekanntes Orchester und in Österreich wenig bekannter Solist – zu verzichten. Denn das treue Stammpublikum des Brucknerhauses liebt keine Experimente.

Zur Einleitung und als Einstimmung erklang die „Tragische Ouverture d-Moll“ op. 81 (1880) von Johannes Brahms (1833–1897), ein wenig gespieltes Werk, effektvoll und auch im Orchesterklang recht überzeugend.

Bei dem „Konzert für Violine und Orchester D-Dur“ op. 77 (1878) von Johannes Brahms wirkte Sergey Malov als Solist überzeugend in Intonation und Klangfülle. Virtuos war das Konzert vor allem im dritten Satz mit einer Fülle von Doppelgriffen.

Mutig eingesetzte elektronische Elemente

Eine Überraschung bereitete der Solist dem Publikum, als er im ersten Satz des Konzertes das Instrument wechselte und seine eigene Kadenz auf einem elektronisch gesteuerten Instrument – gespielt wie eine Violine, allerdings unterstützt von Playback-artigen Tönen – aufführte. Dieses Instrument spielte Malov auch bei der Zugabe, einem ungarisch klingenden Musikstück. Das Publikum genoss diesen Höhepunkt des Abends und dankte mit Beifall, vor allem dem Solisten.

Nach der Pause erklang die „nullte“ Sinfonie d-Moll WAB 100 (1869) von Anton Bruckner (1824–1896). Dem Neuen Orchester sei zu danken, dass es diese selten gespielte Sinfonie, von Bruckner selbst als „ungiltig“ bezeichnet, zur Aufführung brachte.

Bruckners tückische „Nullte“ bezwungen

Durchaus ein Wagnis, zumal dieses Werk nur teilweise nach Brucknerscher Musik klingt. Vor allem im zweiten Satz, dem Andante, enthält sie Längen. Diese wurden vom Orchester, allen voran mit gutem Bläserspiel, erfolgreich umschifft. Dankbar der Applaus des Publikums auch für dieses Werk, dem Dirigenten und den Musikern gewidmet.

Ein herausfordernder Konzertabend im Rahmen des Brucknerfestes im Brucknerhaus Linz. Herausfordernd deshalb, weil er viel Verständnis für Aufführungspraxis und Gestaltung dieser spätromantischen Musik von Brahms und Bruckner erforderte.

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