„Sich einbringen, aber auch auf die anderen hören“

J osef Habringer, scheidender Linzer Domkapellmeister, über die Kraft der Musik und den Nachklang

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Bildtext © Mariendom

Musik begleitet ihn auf seinem Lebensweg: Geboren 1952 in Schwanenstadt, aufgewachsen in Desselbrunn, studierte Josef Habringer nach dem Petrinum in Linz Theologie, daneben aber schon Gesangspädagogik — zunächst am Mozarteum, dann am Brucknerkonservatorium, später an der Musikhochschule in Wien Lied und Oratorium. 1978 begann er als Pastoralassistent an der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in Linz und war im Kirchenmusikreferat tätig, ehe er 2006 Domkapellmeister wurde. Bereits 1978 gründete er den KHG Chor, der später in Collegium Vocale umbenannt wurde, und er leitet das Vokalsextett Voices. Nach rund 1000 Messen, die er im Linzer Dom gestaltet hat, nimmt der umtriebige Domkapellmeister an Mariä Himmelfahrt — freilich musikalisch — Abschied.

VOLKSBLATT: Mit welchem Gefühl gehen Sie an Ihren letzte Messe heran?

JOSEF HABRINGER: Domkapellmeister zu sein, ist eine sehr schöne Aufgabe, die ich mit Leib und Seele ausgefüllt habe. Einerseits empfinde ich große Dankbarkeit, andererseits auch Wehmut. Irgendwann muss aber einmal Schluss sein, ich werde im September 70 und die Nachfolge ist gut geregelt.

Zu meinem Abschied gestalte ich am 15. August eine meiner Lieblingsmessen, die Nelson-Messe, die eigentlich Missa in angustiis heißt, also Messe in bedrängten Zeiten. Haydn schrieb sie, als Napoleon im Anmarsch war. Sie passt auch gut in unsere Zeit.

Liegt das Singen bei Ihnen in der Famillie?

Wir haben zuhause viel gesungen, auch mehrstimmig. Im Petrinum war ich im Chor, später habe ich über meinen Musiklehrer Hermann Kronsteiner schon als Bub im Domchor mitsingen dürfen, das war eine große Ehre damals. All das hat mich sehr stark geprägt.

Mit Ihren Ausbildungen brachten Sie eine besondere Eignung mit.

Von der Liturgie herzukommen und das einzubringen und die Möglichkeit, den Chor über das Stimmliche zu betreuen, war kein Nachteil. Wenn mich jemand fragen würde, was mein Instrument ist, dann würde ich sagen, es ist der Chor. Ich erarbeite irrsinnig gern etwas mit Leuten, das Gemeinsame war mir immer ein Anliegen. Als Kirchenmusikreferent habe ich viele Kirchenchöre im Land betreut und viele Kontakte geknüpft. Deshalb funktionieren meine Chöre nach wie vor gut, obwohl es heute mit dem Nachwuchs nicht ganz so leicht ist, vor allem bei den Männern.

Welche Bilanz ziehen Sie über Ihre Zeit als Domkapellmeister?

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Der Domchor ist in meiner Zeit auf 60 Mitglieder angewachsen. Das war zum Teil auch durch meinen zweiten Chor möglich. Das Orchester besteht aus Profimusikern aus dem Bruckner Orchester und Musikschullehrern. Wir haben einen Pool von ungefähr 200 bis 250 Adressen.

Sehr schön war es, dass ich so viele Möglichkeiten gehabt habe, unterschiedliche Sachen zu musizieren im Dom — von der Gregorianik über alte Musik, von a capella bis hin zu großen Orchestermessen — und dabei weder vom Dompfarrer noch von bischöflicher Seite irgendwelche Beschränkungen auferlegt bekam. Ich habe fast alle Mozart-Messen gemacht, die großen Haydn-Messen, Schubert, Bruckner natürlich auch. Ich habe alle Facetten von Kirchenmusik im Dom zum Klingen bringen dürfen, auch das sogenannte neugeistliche Lied oder Spiritual Gospels, alles hatte im Dom Platz. Im Zuge der Neugestaltung des Altarraumes im Dom haben wir auch die Akustik verbessert. Und es gab Highlights außerhalb der Liturgie, etwa eine getanzte Version der „Schöpfung“ und im Kulturhauptstadtjahr 2009 Bruckners „Te Deum“ mit 1000 Mitwirkenden. Aber das Wichtigste war für mich immer die Sonn- und Feiertagsliturgie. Ich habe das Gefühl, dass wir da ein „beständiges Publikum“ haben, das auch wegen der Musik kommt.

Welche Beziehung haben Sie zum Mariendom entwickelt?

Es ist schon eine Spur Beheimatung, soweit man davon reden kann, weil heimelig ist der Dom ja nicht. Er hat aber etwas Faszinierendes durch seine Größe, durch das Licht. Wenn man Musik in den Raum stellt, weiß man oft nicht, ob das noch nachklingt oder nicht mehr hörbar ist. Da gibt es so einen schleichenden Übergang, das ist für mich so ein Bild, dass Zeit und Ewigkeit irgendwie ineinander übergehen. Musik kann es ermöglichen, aus der Alltäglichkeit herauszusteigen in eine andere Welt.

Wie haben Sie die Corona-Zeit erlebt?

Trotz aller Schwierigkeiten konnten wir den Betrieb, außer im kompletten Lockdown, stets aufrechterhalten. Teilweise hat der Domchor mit nur vier Sängern und vier Instrumentalisten die Messe gestaltet. Wir haben die ganze Zeit im Dom geprobt, um Abstand halten zu können. Das war schwierig, weil es im Winter dort sehr kalt und die Akustik überhallig ist. Wir hatten kaum Ausfälle und nie einen Cluster. Vielen Messbesuchern ist es aber abgegangen, dass sie selbst nicht singen durften.

Apropos singen: Das hat in unserer Gesellschaft spürbar abgenommen. Was entgeht den Menschen dadurch?

Singen ist etwas, das einem selber sehr guttut und das ungeheuer gemeinschaftsstiftend ist. Das macht ja Chöre aus. Über die Musik werden Verbindungen geschaffen, musizieren hat auch viel mit sozialem Verhalten zu tun: Man muss sich selber einbringen, aber auch auf die anderen hören. In einem Chor zu sein, war früher für viele ein Fixpunkt, gerade junge Leute wollen sich aber heute nicht mehr fix für etwas verpflichten.

Was war Ihnen in dieser Zeit besonders lieb?

Die Hochfeste natürlich, wo man auch mit Orchester arbeitet: Allerheiligen, Allerseelen etwa mit den großen Requien von Mozart, Cherubini oder Modernem von John Rutter. Inhaltlich sind es die Mozart-Messen, die großen Haydn-Messen, die ich sehr, sehr liebe, und Bruckner natürlich, die d-Moll und die e-Moll. Letztere gehört ja zum Linzer Dom, weil sie zur Einweihung des vorderen Teils, der Votivkirche, geschrieben und uraufgeführt worden ist.

Welche Bedeutung hat die Musik für die Liturgie?

Die Liturgie wäre ganz arm, gäbe es keine Musik. Was wäre Weihnachten ohne Musik, ohne das gemeinsam gesungene „Stille Nacht“, das emotional so im Menschen verankert ist. Ich habe es im Dom zur Tradition gemacht, dass am Ende der Mette immer die Urfassung für zwei Männerstimmen und Gitarre gespielt wird. Manche Leute sind extra deswegen gekommen. Die Musik hat große emotionale Kraft auch im Rahmen der Verkündigung und sie kann dort, wo man mit dem Wort rasch ans Ende kommt, sehr tröstlich sein.

Sie sind in jungen Jahren „Jedermann“-Rufer gewesen.

Als Mitglied des Rundfunk-Chores in Salzburg musste ich dafür zum Casting. Dann durfte ich vier Jahre hintereinander von Turm der Franziskanerkirche aus rufen. Damals war Curd Jürgens Jedermann und Senta Berger Buhlschaft, später kam Maximilian Schell. Letzterer hat sogar mit mir den Turm bestiegen.

Auf welche Weise engagieren Sie sich künftig musikalisch?

Ich mache auf jeden Fall mit dem Collegium Vocale und den Voices weiter. Vielleicht ist es gescheiter, vom Dom eine Zeit lang Abstand zu nehmen. Das ist wie bei einem Altbauern, der muss einmal übergeben und einen ordentlichen Schlussstrich ziehen. Es gibt kirchenmusikalische Baustellen, wo man sich in Zukunft „wichtig machen“ kann. Als Besucher bleibe ich dem Dom treu, das ist meine Heimatpfarre, der ich verbunden bin und bleibe.

Interview: Melanie Wagenhofer

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