„Sie haben Ihr Ziel erreicht!“ – Im Kreisverkehr KEINE Ausfahrt nehmen!

Wir sind auf dem Weg zur Hochzeit meiner Nichte in St. Johann am Kreisverkehr. Dieses Ziel gebe ich in das Navi meines Autos ein. „Wir nehmen am besten die Westautobahn“, beschließt meine Frau mit der Straßenkarte in der Hand. Was sich als eine Art „Kampfansage“ erweisen sollte. Navi gegen Karte!

„Der Autobahn 20 Kilometer folgen“, sagt die angenehme weibliche Navi-Stimme. „Wir nehmen die nächste Ausfahrt“, entgegnet meine Frau. Ein Mann, der sich zwischen zwei Frauen entscheiden muss, ist immer in einer schwierigen Situation. Ich überlege blitzartig: Mit meiner Frau werde ich noch länger zusammen sein. Außerdem ist ein Navi weder beleidigt noch bekommt es Migräne. Also nehme ich die nächste Ausfahrt.

Das Navi berechnet geduldig die Route neu. „Der Straße neun Kilometer folgen!“ „So ein Blödsinn“, brummt meine Beifahrerin. Freundinnen werden meine Frau und das Navi in diesem Leben nicht mehr. Wie auch immer, ich folge der Straße, bis das Navi sagt: „In 300 Metern scharf rechts abbiegen!“ Ich biege in 300 Metern scharf rechts ab. „He! Wo fährst du hin, bist du bescheuert?“ Das ist meine Frau, nicht das Navi! Letzteres würde so etwas nie zu mir sagen. „Ist das die Bundesstraße?“ Eine eher rhetorische Frage meiner Beifahrerin, angesichts des Güterweges, auf dem wir uns befinden. „Wir sollten umkehren“, schlägt meine Frau vor. „Gut“, antworte ich und drehe um.

Kaum will ich zurückfahren in die Richtung, aus der wir gekommen sind, meldet sich das Navi: „Wenn möglich, bitte wenden!“ Ich wende. Meine Frau spöttelt: „Wenn ich jetzt sagen würde, du sollst wieder umdrehen — du würdest es tun! Hast du eigentlich keine eigene Meinung?“ Mir reicht es. Ich fahre so, wie es das Navi befiehlt. Kurze Zeit später überrascht uns das Navi mit der Nachricht: „Sie haben ihr Ziel erreicht, das Ziel liegt links!“

Links liegt ein Bauernhof. Der Bauer staunt, hier Fremde zu treffen. „Grieß enk!“ „Das Navi hat uns hierher geführt“, sage ich entschuldigend. „Und wo wollt’s nachert hin?“ „Nach St. Johann am Kreisverkehr!“ Der Bauer schüttelt den Kopf: „Jo mei!“ Was bedeutet dieses „Jo mei“? Überraschung? Unverständnis? Mitleid? „Wo geht’s denn jetzt nach St. Johann am Kreisverkehr“, fragt meine Frau, „wir müssen zu einer Hochzeit!“ Der Bauer erklärt: „Ihr könntets über Kleinriedling fahren oder über Breithofen oder über die Bundesstraßen außi …“ „Bundesstraße klingt gut“, sage ich. „Und wir haben eine Straßenkarte“, ergänzt meine Frau. „Da fahrt’s jetzt die Forststraßn weiter bis zu an Jagerstand kommts — dann umi um d’Kurvn — und dann seids bei einer Kreuzung! Dort müsst’s fragen, weil da kenn i mi a nimmer aus!“

„Vielen Dank“, sage ich und starte den Wagen. Wir kommen leider nur ein paar Meter weit. Ich steige aus — ein Patschen! „Das ist wieder typisch für dich“, sagt meine Frau, „und was jetzt? Was sagt das Navi in so einem Fall?“ Dermaßen auskosten müsste meine Frau die Situation nicht!

„Horcht’s zu“, sagt der Bauer, „i bring euch nach St. Johann am Kreisverkehr, weil mir sind ja net a so, mir Leut am Land!“ Kaum zwei Minuten später ist er wieder da — mit seinem Traktor! „Aufgeht’s, packn mirs!“ Links und rechts auf dem Traktor sitzend, rattern wir St. Johann am Kreisverkehr entgegen. „Aber dann bei der Kreuzung“, frage ich, „wie fahren Sie denn weiter? Sie wissen ja den Weg nicht, haben Sie gesagt“. Er lächelt: „Scheiß dir nix — i hab an Traktor mit Navi!“

Werner Rohrhofer: Im Kreisverkehr keine Ausfahrt nehmen!
Satiren in Rot-Weiß-Rot. Kral Verlag, 240 S., € 9,90

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