Sie wollen alle Sieger sein

Romandebüt „Hotel Weitblick“ der Linzerin Renate Silberer

Panikattacken sind Schwäche: Renate Silberer nimmt die unerbittliche Welt des großen Business ins Visier.
Panikattacken sind Schwäche: Renate Silberer nimmt die unerbittliche Welt des großen Business ins Visier. © detailsinn

Ein Wochenende im abgelegenen Hotel, vier Kandidaten bewerben sich um den Posten des Geschäftsführers einer Werbeagentur. Drei Männer und eine Frau, so ein Wochenende ist lange genug, dass irgendwann der Untergriff „Quotenfrau“ kommt.

Nur langsam schälen sich aus dem uniformen Verhalten der Anwärter unterscheidbare Charaktere heraus. Motor der Entblößung ist der Gruppenleiter und „Top-100-Consulter“ Dr. Marius Tankwart, der nach einer einschneidenden Begegnung sein Leben umkrempeln will. Die Koffer für den Flug nach Mexiko sind gepackt.

Renate Silberers Romandebüt „Hotel Weitblick“ spielt erkennbar in der Zeit vor Corona („Ein Tag ohne Flugverkehr ist undenkbar in unserer Welt, seit Jahrzehnten schon“). Dennoch naheliegend, das Buch mit den Erfahrungen der Pandemie zu lesen. „Hotel Weitblick“ visiert die „Normalität“an, entblößt unerbittlich und mit spürbarem Vergnügen. Silberer weicht seelische Panzerungen auf, streift bisweilen Klischees einer seelischen Tristesse im Neoliberalismus. Doch noch öfter beschleicht den Leser die Ahnung: Ja, so könnte es wirklich sein.

Angst und Anpassung

Da sind Horst und Franz, wahre Soldaten ihres Business („wer bezahlt denn mit seinen Steuern die Schwachen, ja wir, wir Leistungsträger“). Horst und Franz übers Wochenende auch damit beschäftigt, ihre schlingernden Beziehungen per Handy zu retten. Da ist Annette, die mühsam Anzeichen von Panik oder Husten bekämpft: „Ich möchte Geschäftsführerin werden. Ich verfüge über einen gut funktionierenden Körper, ich kann über ihn bestimmen.“ Schließlich noch Helmut, der Dauerläufer, der in einem turbulenten Finale das Kommando übernimmt.

Drei Tage großer innerer Anspannung, begleitet von unruhigen Träumen und Selbstgesprächen vor dem Spiegel. Deutliche Bilder innerer Welten, ihre Erfahrungen als Lyrikerin kommen der 1975 in Linz geborenen Autorin merklich zugute. Ich-Perspektiven wechseln mit Perspektiven von „außen“. Die Figuren schwanken zwischen Selbstbild und Ich-Objekt, das Anforderungen zu genügen hat. Disziplin und Leistungsbereitschaft innerhalb eng gesteckter Grenzen, innovativer Geist, umspült von

Ängsten: zu versagen und irgendwo anzuecken.

Als unselige Stimme flicht die Autorin laufend Johanna Haarer ein, die im 3. Reich mit „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ (in Neuauflagen bis 1987) Karriere machte. Haarers Ratgeber ein Feldzug gegen Gefühle, die als Schwäche interpretiert und bekämpft werden müssen. Urschlamm für ökonomischen Furor bis heute? Die Autorin deutet eine strenge Kausalität an, die der Realität nicht standhält: Keineswegs stammen sämtliche hartherzigen Wirtschaftsakteure aus Ländern mit NS-Vergangenheit. Dennoch überzeugt Silberers Tiefenschürfung in Sachen Gefühlskälte, „Hotel Weitblick“ ist ein grimmig komisches, lesenswertes und eindringliches Debüt.

Silberer liest am Donnerstag (20.5, 17.30), gemeinsam mit Robert Stähr, im Linzer Stifterhaus.

Renate Silberer: „Hotel Weitblick“. Kremayr & Scheriau, 240 Seiten, 20 Euro.

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