Simon liebt Schoki und Kinderlieder

Am Moserhof der Caritas in Waldkirchen gibt es zwei spezielle invita-Wohngruppen, in denen Menschen mit der Diagnose „Autismus-Spektrum-Störungen“ (ASS) leben. Auch Simon Kriechbaumer (24) fühlt sich mittlerweile seit sieben Jahren in dieser rund um die Uhr betreuten Wohngemeinschaft wohl.

Simon Kriechbaumer © Caritas

Simon Kriechbaumer hat die Augen halb geschlossen. Im Takt der Musik wippt er am Stand vor und zurück. Sein Oberkörper schaukelt dabei rhythmisch mit. Im CD-Player läuft seine Lieblingsmusik: Kinderlieder von Detlev Jöcker.

„Diesen Tanzschritt könnte er stundenlang wiederholen“, erzählt Bettina Radlmair, Team-Leiterin am Moserhof, die Simon seit sieben Jahren kennt. Wie für alle Menschen mit Autismus typisch, möchte der 24-Jährige ein bestimmtes Verhalten immer wieder wiederholen. Das gibt ihm Sicherheit.

Deshalb ist es vor allem Struktur, was der junge Mann im Alltag braucht. „Es wird immer schon am Vortag besprochen, was heute passieren wird bzw. am Programm steht. Bei all der Strukturierung muss man aber auch aufpassen, dass die Rituale nicht zum Zwang werden“, erklärt die diplomierte Gesundheitspflegerin.

Zur Unterstützung hat das Caritas-Team beispielsweise für ihn ein „Markerl-System“ eingeführt, das etwa beim Telefonieren zum Einsatz kommt: „Simon würde seine Mutter am Liebsten mehrmals täglich anrufen, was natürlich nicht möglich ist. Pro Woche bekommt er deshalb immer eine bestimmte Anzahl an Telefon-Markerln, das hilft ihm, dass er sich seine Anrufe einteilt.“

Noch mehr Chaos durch die Pubertät

Dass der 24-Jährige mit Unterstützung seinen Alltag am Moserhof relativ problemlos bewältigen kann, war nicht immer der Fall. Vor sieben Jahren kam er zu invita in die Betreuung, weil er sich selbst verletzte und aggressiv gegenüber anderen war. Als Simon in die Pubertät kam, begann er zunehmend auffällig zu werden. Er setzte alles daran, seiner Umwelt zu zeigen, dass er nicht mehr zuhause und in der Schule sein wollte.

„Menschen mit Autismus, die aufgrund verschiedener Wahrnehmungsstörungen die Welt ohnehin als einen verwirrenden Ort wahrnehmen, werden durch die Pubertät als eine Zeit des Umbruchs häufig noch mehr ins innere Chaos gestürzt. Im Außen äußert sich dies häufig in einem für uns nicht verstehbarem Verhalten”, erklärt Radlmair.

Simon hat mit einem „Nein“ nicht umgehen können und seine Grenzen ohne Rücksicht auf sich oder andere ausgetestet. „Er hat sich einfach auf die Straße gelegt oder ist in der Nacht davongelaufen und in den Teich gesprungen. Aktionen wie diese fordern uns, aber sie gehören zum Beruf in der Betreuung von Menschen mit psychosozialen Mehrfachbeeinträchtigungen dazu“, so die Caritas-Mitarbeiterin.

Menschen mit Autismus haben eine andere Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung. Das fällt vor allem auch im Gespräch auf, wenn er den Blickkontakt vermeidet oder Fragen ausweichend beantwortet. „Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten, verbale Informationen zu verarbeiten und zu verstehen, deshalb wirken ihre Antworten oft etwas aus der Luft gegriffen“, erklärt Radl- mair.

Sie kennt Simon seit seinem ersten Tag am Moserhof und ist stolz, wie er sich entwickelt hat: Drei Tage in der Woche geht er in die nahe Werkstätte, wo er beim Kochen hilft, Bienenwaben und Grillanzünder stopft oder bei der Grünpflege in der Gemeinde hilft. Fragt man ihn, was er gerne hat, zählt er seine Eltern und seine Geschwister auf, Bratl mit Semmelknödel und gebratenen Kartoffeln, Schwimmen, Tanzen und Schokolade-Ostereier.

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