Sind wir flexibel, kommen wir am Ende immer ins Paradies

Der letzte Höhenrausch auf den Dächern von Linz zwischen Dystopie und Utopie und mit vielen Blickwinkeln

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Wie immer im Leben kommt es auf den Blickwinkel an. Ist ein ewiges Da- oder Dortsein erstrebenswert, oder wird ein Moment erst dann wahrhaft paradiesisch, wenn das unvermeidliche Ende den kleinen Schmerz in die vollkommene Freude bringt?

Manchmal hat man auch einfach keine Wahl, und so geht auch das Kunstvermittlungsprogramm Höhenrausch, das im Kulturhauptstadtjahr 2009 das Licht von Linz erblickte, mit der heurigen Ausgabe zu Ende. So Corona will, kann heuer durchgezogen werden, was eigentlich schon für das vergangene Jahr geplant war.

Je nach Blickwinkel (siehe Anfang) passt das Thema „Wie im Paradies“ gut oder schlecht zur letzten Ausgabe. Nach dem Ende der Ausstellung am 17. Oktober beginnen die Abbauarbeiten auf dem Dach des Passage-Parkhauses — alles kommt weg, inklusive des Keine-Sorgen-Turms.

Was danach kommen wird, ob es eine Fortsetzung des so beliebten Formats — bisher gab es mehr als 1,3 Millionen Besucher — geben wird, das kann der Direktor des OÖ Kulturquartiers, Martin Sturm, nicht sagen. Er wird auch nicht mehr dafür verantwortlich zeichnen, da er im Herbst in Pension geht. „Es ist ein schöner Abschluss“, sagt Martin Sturm, der den aktuellen Höhenrausch gemeinsam mit Rainer Zendron kuratiert hat.

Auf den Dächern hat sich die Zukunft breit gemacht

Heute geht es mit der Eröffnung des Höhenrausch 2021 los, über die sich auch Landeshauptmann Thomas Stelzer freut: „Die Öffnung der Ausstellung ist für uns auch ein weiteres Zeichen des so wichtigen kulturellen Neubeginns im Kulturland Oberösterreich. Für diesen Neubeginn haben wir gemeinsam gekämpft und er soll auch zur breiten Entfaltung in allen kulturellen Bereichen kommen.“

Mehr als 40 Künstler aus dem In- und Ausland haben sich dem Thema Paradies gewidmet und finden sich mit Arbeiten verteilt auf dem kompletten Gelände — neben dem Dach der Parkgarage und dem voestalpine open space (der auch nach dem Höhenrausch erhalten bleibt) geht es durchs Offene Kulturhaus und auch wieder in die spektakulären Dachböden des Ursulinenhofes und der Ursulinenkirche.

Auf den Dächern ist es heuer weniger verspielt, nichtsdestotrotz bringen viele der Arbeiten einen gehörigen Schuss Humor mit. Parken unten noch nichtsahnend die Fahrzeuge der Einkaufenden, hat sich oben schon die Zukunft breit gemacht. Autos sind passé, die Wracks faulen bei Ton Matton und Studierenden der Linzer Kunstuni auf inszenierten Landschaftsflächen fröhlich vor sich hin. Ein Paradies für Fußgänger. Eine Videoarbeit von Sam Bunn wartet nach dem Erklimmen des Turms auf die Besucher und offenbart einen Blick nicht nur übers aktuelle Linz, sondern auch in ein paradiesisches Linz der Zukunft: grün, grüner und wieder Auto-los.

Entführung durch den Nebel in den Kirschgarten

In eine andere Welt entführt ein riesiges Nebelkunstwerk der 85-jährigen Fujiko Nakaya auf der raiffeisen-kunst-garage. Alle zehn Minuten erheben sich (die im Hochsommer kühlenden) Nebelschwaden und umhüllen die Umgebung und den Besucher. Entführen kann man sich auch vom Kirschgarten von Eva Schlegel lassen. Bäume und Akustik laden ein „zu verweilen und sich den Kirschen hinzugeben“, wie die Künstlerin erklärt. Ergänzt wird das Gartenparadies von einem Labyrinth, das nicht den Menschen spiegelt, sondern reflektiert und die mystischen Räume dahinter öffnet. Und Florian Graf weist uns den Weg mit einem Schild – und gibt uns die Erkenntnis: Nicht nur nach Rom führen alle Wege, sind wir flexibel — Nirvana, Eden, Olymp oder Zion —, kommen wir immer ins Paradies.

Über die Landstraße hinaus ragt der einst am OK-Platz thronende Himmelskraxler aus der Arbeit „How to meet an angel“von Ilya und Emilia Kabakov.

Eine der wenigen internationalen Künstler, die ihr Werk in Linz selbst installieren konnten, sind David Allen Burns und Austin Young alias Fallen Fruit aus Kalifornien. Die Künstler kreieren Tapeten je nach Ausstellungsort – fürs OK wurde es knallbunt und vom Aussterben bedroht: Tiere und Pflanzen aus dem mexikanischen Dschungel, die durch unsere aller Verhalten wohl bald ausschließlich als Wandschmuck zu bewundern sein werden, zieren den Eingang.

Dass die Zukunft alles andere als paradiesisch werden kann, zeigt auch wieder einmal auf beeindruckende Weise das Künstlerkollektiv Time’s Up, die ihre Installation „Rise“ zeigen. Ein Schritt in den Raum, und die Szenerie der Zukunft hat uns gefangen. Ein Steg führt über verfaultes Wasser, Plakate erzählen uns, dass wir zwischen eine Umwelt-Dystopie und einer sozialen Utopie des Zusammenhalts gelandet sind. In einer Bar kann man Gesprächen lauschen oder in einer Zeitung dem Jahr 2047 auf den Grund gehen. An der Wand Fische mit dem Datum versehen, als sie das letzte Mal hier verspeist wurden.

Dass auch in der Gegenwart rasch aus dem Paradies die Hölle wird, zeigt Gregor Grafs Foto aus der UNO Shopping. Das sakral anmutende Skelett des Einkaufszentrums und ein letzter, einsamer Baum lassen Niedergang und Ende ganz nahe an uns heran. Dem gegenüber Fotos von Mohamed Bourouissa, der Ladendiebe, vom Besitzer der billigen Ware abgelichtet und an den Pranger unserer Zeit gestellt, zeigt. Dazu ein Supermarkt für Hühner von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger: Die Tiere drehen dem Konsumwahn jedoch schnell den Hahn zu.

Das vermeintliche Paradies hat mindestens zwei Seiten

Himmlisch, aber billig ist der Andachtsraum der Galerie Tanglberg, entstanden aus „Beiwerk“, das Galerist und Künsthändler Erich Spitzbart bei den Käufen alter Holzrahmen gefunden hat: Heiligenbilder auf billigem Papier. Leid, wohin man schaut.

Wer zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht weiß, dass ein vermeintliches Paradies immer mindestens zwei Seiten hat, der schaut im Treppenhaus bei den pinken Riesenflamingos von Cyrill Lanvelin vorbei, die dann doch sehr viel mit einer Schlange gemeinsam haben …

Am Dachboden erschafft Hsiao Shemg-Chien eine mechanisch-natürliche Welt inmitten eines Vogelschwarms, in der man sich vom Gezwitscher leiten lassen kann – bis zur Arbeit „Die Königinnen zogen Schwärme fort“ von Katharina Struber, für die die Künstlerin Liebesgedichte aus verschiedenen Kulturkreisen und Epochen zusammengetragen und auf ovalen Blättern, getaucht in Bienenwachs, haltbar gemacht hat. Wie durch Tropfen aus Gold, gehüllt in Honigduft, folgt man einer Stimme, die ein Gedicht von Ingeborg Bachmann rezitiert.

Der Abstieg aus dem Paradies ins Irdische führt mitten in die Ursulinenkirche. Das spricht für sich und das Ende.

6. Mai bis 17. Oktober, tgl. 10 bis 20.30 Uhr (bist Ende der Ausgangssperre bis 19.30 Uhr) mit FFP2-Maske und Abstand

Von Mariella Moshammer

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