Sinfonische Aktion zum 80er von Hermann Nitsch

Hermann Nitsch hat sich zu seinem 80. Geburtstag am 29. August selbst ein Geschenk bereitet: Zur 155. Aktion – der ersten seit der Burgtheater-Aktion 2005 – sind Samstagabend zahlreiche Kunstfreunde und Fans des Künstlers ins nitsch museum nach Mistelbach gepilgert, um die Uraufführung der sinfonischen Aktion zu sehen. Als Dirigent fungierte Andrea Cusumano.

Gespannte Erwartung im Inneren des Museums, wo ein lang gezogener Orgelpunkt durch die Räumlichkeiten schwillt, während draußen der Regen prasselt. Dann nimmt die – restlos ausverkaufte – Aktion mit Glockengeläute ihren Anfang: Eine Prozession zieht durch die große Halle ein. Langsam wird ein auf einem Holzgerüst mit Bändern Gekreuzigter im weißen Hemd in den oberen Bereich des Raums getragen, die Musik setzt ein mit tragischem Moll-Akkord, dann folgt ohrenbetäubendes Gepfeife, darauf wieder lange Cluster-Klänge.

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Musikalisch begegnet dem Hörer viel Bekanntes und orchestral Dramatisches. Realisiert wurde die Aktion mit dem Orchester der Klangvereinigung Wien, der Stadtkapelle Mistelbach, dem Chor con cor aus Mistelbach sowie dem Musik- und Gesangsverein Asparn a.d. Zaya. Manche Passage klingt wie eingefrorener Wagner oder Bruckner, zwischendurch gibt es ein Wiederhören mit dem Schnadahüpfel-Motiv aus dem fröhlichen Nonsens-Kinderlied, das mittlerweile auch nicht mehr in allen Strophen der gängigen Correctness entspricht („Jeder Kongoneger hat an Hosenträger, aber unsereiner, der hat nix“). Nach 100 Minuten läuten die Glocken auf der Piazza, Brot, Liptauer-Aufstrich, Pasta und Wein werden gereicht, gelöste Osterstimmung bricht aus an diesem Wolkenbruch-Abend. Die ursprüngliche Absicht, den Außenbereich des nitsch museum in den Verlauf einzubeziehen, wurde angesichts der unwirtlichen Witterung offenbar revidiert.

Die Musik sei „als Einführung in mein in Prinzendorf geplantes 6-Tage-Spiel des Orgien-Mysterien-Theaters“ gedacht, hatte Nitsch im Vorfeld erklärt. „Meine eigentlich nur aktionistisch zu verstehende Musik soll dröhnend mein Museum in ein Theater verwandeln.“ Szenisch gibt es allerdings kaum Neues zu berichten. In einer Art monomanischem Repetitionsdrang wiederholen sich die Kreuzigungen, nackte Männer und Frauen werden mit Blut und Schleim übergossen, eine Fußwaschung ergänzt das liturgische Repertoire. Dazu wird der Boden mit Paradeisern und Trauben drapiert, auf denen die Mitwirkenden erst umhertrampeln, um dann im dermaßen entstandenen Sugo zu baden. Der Jubilar selbst ist als Zuseher präsent. Den lebhaften Schlussapplaus nimmt er sichtlich zufrieden entgegen.

Zur Musik von Hermann Nitsch wird von 28. bis 30. September unter der Leitung von Leopoldo Siano, Musikwissenschafter und Dozent an der Universität Köln, ein Workshop mit dem Thema „Zwischen Urlärm und Sphärenharmonie“ im nitsch museum veranstaltet. Nitschs musikalisches Oeuvre umfasst nicht nur „Aktionsmusik“, sondern auch Symphonien, Ensemble- und Orgelwerke.

Das nitsch museum wurde 2007 nach Plänen von Johannes Kraus und Michael Lawugger in einer ehemaligen Fabrik installiert. Es umfasst eine Gesamtfläche von 6.116 Quadratmetern, ist wie eine sakrale Anlage konzipiert und beinhaltet Langhalle, Seitenschiff, Claustrum, Krypta, Kapelle sowie zentrale Piazza. Umfangreiche Themenausstellungen waren bisher zu sehen, derzeit (bis 5. Mai 2019) läuft die Ausstellung „Hermann Nitsch – Leben und Werk“.