Singledasein für Alle

Welch eine Häme! Im Schatten der Corona-Krise verkommt das annehmliche Singledasein zur banalen Normalität

Für VOLKSBLATT-Redakteur Andy Hörhager wird Einsamkeit zur Strafe, wenn sie alle trifft.

Wer, wie der Autor dieser Zeilen, das Alleinsein in normalen Zeiten als durchaus selbst gewollte Abgeschiedenheit, ergo Quell von Harmonie und innerer Ruhe, betrachtet und betreibt, dessen Wahrnehmung der Welt ist aktuell in ihren Grundfesten erschüttert.

Dank der Ausgehverbote mutierte das beschauliche und begehrenswerte Dasein als moderner Eremit rasch zum herkömmlichen Lebensmodell aller Bürger. Pfui, eine Gemeinheit.

Exzentrik über Nacht zerbrochen

Für VOLKSBLATT-Redakteur Andy Hörhager wird Einsamkeit zur Strafe, wenn sie alle trifft.
Für VOLKSBLATT-Redakteur Andy Hörhager wird Einsamkeit zur Strafe, wenn sie alle trifft. ©Volksblatt

Quasi über Nacht war die herausragende und doch so harmlose Exzentrik des Singlelebens zerbrochen, plötzlich lebt praktisch die gesamte zivilisierte Welt derart zurückgezogen, abgeschottet, einsam. Eine medizinische Notwendigkeit, zugegeben.

Dennoch vermag sich der eingefleischte, selbstständig denkende und handelnde Single ob der gewaltsamen Verpflanzung in ein Spießbürgerdasein damit nicht zu trösten.

Cosi fan tutte! Natürlich tun es mittlerweile alle, die behördlichen Ratschläge waren an Deutlichkeit ja kaum zu überbieten. Pah, wen freut’s?

Orte der Entspannung und Inspiration sind tabu

Aber was bleibt dem einzelgängerischen Zeitgenossen denn noch übrig? Wohin sollte ich mich auch wenden? Alles bleibt geschlossen.

Cafes, Kinos, Stadien, Konzerthallen, Restaurants, Hotels. Ja, sogar in Parks und auf Spiel- und Sportplätzen gelten unerbittliche Corona-Verbreitungs-Eindämmungs-Benimmregeln.

All die oftmals frequentierten Orte, die ein Autor zur Erbauung und Inspiration eben gerne heimsucht, sind tabu. Einem Literaten sein Lieblingscafe zu sperren, ist, gelinde gesagt, ein Sakrileg!

Die Erinnerungen verblassen schon

Kaum verwichen die schönen Stunden, da verblassen schon die Erinnerungen an die unzähligen Momente gastronomischer Glückseligkeit. Ein flirtverdächtiges Lächeln einer Passantin hier, ein scherzgetragenes Plauscherl mit einer Kellnerin oder einem Sitznachbarn da.

Diese herrlich belanglosen und doch so wertvollen Augenblicke der Teilhabe am sozialen Leben der Allgemeinheit.

Der Möglichkeiten des Rückzugs beraubt

Wohlwissend, diesen Ausflug jederzeit beenden und heimkehren zu können, in den behütenden Kokon meiner Abgeschiedenheit. Doch nun? Alles ist anders.

Meiner Rückzugsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit fast gänzlich beraubt, macht das Alleinsein plötzlich keinen Spaß mehr.

Es verkam von der philosophisch erstrebenswerten Selbstisolation (wusste doch bereits Schopenhauer: Wer die Einsamkeit nicht liebt, liebt die Freiheit nicht, Anm.) zur banalen Alltagsmaxime aller.

Der Silberstreif am Horizont

Was bleibt, ist der tröstliche Gedanke, mit dem verordneten Abschied aus der Gesellschaft eben jener zu dienen. Das Risiko von Ansteckungen zu minimieren und damit in letzter Konsequenz Leben zu retten.

Spaß macht der Alltag derzeit ohnehin keinem mehr. Als Silberstreif in meinem Schattendasein dient aber ein Blick in die hoffentlich nicht mehr so ferne Zukunft. Dann wird fast alles sein, wie früher. Dann bin ich endlich wieder allein allein…

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