So kam das Bier in das Landhaus

Ein Wirtssohn als oberösterreichischer Landeshauptmann und kein Bier im Landhaus? Für Josef Ratzenböck war dies unvorstellbar. So war es eine seiner ersten Einführungen, dass bei den offiziellen Empfängen der Landesregierung auch Bier ausgeschenkt wurde. Wegbegleiter und Zeitzeugen erinnern sich an die bewegten Jahre der Ära Ratzenböck. Eine Zeit, gespickt mit vielen Weiterentwicklungen, aber auch mit einer ganzen Reihe an legendären Sagern und Anekdoten. Kommenden Montag feiert Josef Ratzenböck seinen 90. Geburtstag.

Seit Jahrzehnten ein starkes Team: Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck und seine Anneliese. © OÖ Seniorenbund

Von Harald Gruber

Ratzenböcks Nachfolger als Landeshauptmann und nunmehr auch als Seniorenbund-Obmann, Josef Pühringer, erinnert sich mit einem Schmunzeln an zwei Besonderheiten der Ära Ratzenböck im Linzer Landhaus. „Bei seinen Sprechtagen haben sich die Leute oft schon um 5 Uhr früh angestellt. Das waren Großveranstaltungen!“ Da sei es eines Tages einem Gebäudewart in den Sinn gekommen, die Leute einfach zu Ratzenböcks rotem Stellvertreter umzudirigieren. Schließlich sei dort der Andrang ja viel geringer. „Mehr hat der Gebäudewart nicht gebraucht!“, lacht Pühringer heute. Das Einschreiten eines Ratzenböck-Mitarbeiters konnte die Karawane dann im letzten Moment noch stoppen.

Probleme & Problemchen

Bleiben wird neben Ratzenböcks Einsatz für die Probleme der Bürgerinnen und Bürger („Es gibt keine kleinen Probleme. Denn, wer ein kleines Problem hat, für den ist es ein großes!“) auch eine kulinarische Innovation. Dazu Josef Pühringer: „Josef Ratzenböck war ein passionierter Biertrinker. Eine seiner ersten Veranlassungen war daher, bei den offiziellen Empfängen auch Bier auszuschenken, das damals noch mancherorts als unfein galt.“ Die Umsetzung brauchte dann zwei Schritte. Beim nächsten Mal war nämlich wieder kein Bier verfügbar. Auf Nachfrage antwortete der zuständige Regierungsrat, wie man denn Bier ausschenken solle, wenn man keine Biergläser habe? „So folgte Ratzenböcks Weisung Nummer 2: es wurden auch Biergläser eingekauft…“, erinnert sich LH a.D. Josef Pühringer.

Ab 6 Uhr früh präsent

Auch Franz Hiesl verbrachte viele Jahre mit Josef Ratzenböck in der Politik — als Obmann der Jungen ÖVP in Neukirchen am Walde und in Eschenau, als Landtagsabgeordneter, als Klubobmann und als Landesparteisekretär. Er hat ebenfalls noch die Bilder der völlig überlaufenen Ratzenböck-Sprechtage vor Augen („Ab 6 Uhr morgens stand er den Menschen persönlich zur Verfügung. Meistens wurden mehr als 100 Termine an einem Tag vergeben!“) und dessen prägendsten Spruch: „Einigkeit nährt, Streit zehrt“. Vom „Zehren“ zum „Zerren“: Angela Orthner erinnert sich noch mit einem Augenzwinkern an das Werben von Josef Ratzenböck um ihren beruflichen Einstieg bei den ÖVP Frauen: „Meine erste Antwort war, ich könne nicht ganztags arbeiten, da ich ja zwei kleine Kinder zu Hause habe.“ Ratzenböck, damals Landesparteisekretär, war um eine Antwort aber nie verlegen, auch diesmal nicht: „Ja, dann arbeiten´s halt, wenn´s Zeit haben.“ Für Orthner ist diese Episode nicht nur Ausdruck der Schlagfertigkeit, sondern auch des Weitblicks von Josef Ratzenböck: „Das war ja zu einer Zeit, Anfang der 70er Jahre, als flexible Arbeitszeiten noch ein ziemliches Fremdwort waren.“ Aber es war für Orthner der Einstieg in die Politik.

Böses Spiel mit guter Mine

Auch Ratzenböcks Wegbegleiter als LH-Stv. und Landesschulratspräsident, Karl Eckmayr, beschreibt den Jubilar im Rückblick mit einer legendären Antwort. Die Vorgeschichte: Eckmayr hatte Ratzenböck aus dem Landesschulrat eine schriftliche Intervention übermittelt, wonach die Bediensteten vom Bundes- in den Landesdienst überstellt werden möchten. Im Zuge einer TV-Konfrontation vor der Landtagswahl zauberte der damalige rote Kontrahent Rupert Hartl eine Kopie des Schreibens aus der Mappe und sprach von „Manipulation“ und „Machtmissbrauch“.

Am Wahlabend — die ÖVP hatte ein Landtagsmandat dazugewonnen — kam in einer Journalistenfrage wieder die Rede auf dieses Schreiben. Freche Antwort von Josef Ratzenböck: „Leider hat mir Eckmayr keinen zweiten solchen Brief geschrieben, sonst hätten wir womöglich ein zweites Mandat gewonnen.“

Der heutige Landesamtsdirektor Erich Watzl war von 1986 bis 1995 im Büro Ratzenböck tätig, davon neun Jahre als Büroleiter. Watzl imponierte und imponiert noch immer, welch „bescheidener und sparsamer Mensch“ der damalige Landeshauptmann war. Sparsamkeit, die aber auch lustige Blüten trieb, lacht Watzl — und lüftet ein über Jahre gehütetes Geheimnis: Ratzenböck habe immer nur die ganz billigen Kugelschreiber genutzt und auch bei diesen immer ersucht, sie nicht wegzuschmeissen, sondern nur die Mine auszutauschen. Am nächsten Tag lag der Kuli wieder auf dem Schreibtisch des Landeshauptmannes.

Was Ratzenböck aber bis zu seiner Abschiedsfeier 1995 nicht wissen durfte und auch nicht wusste: „Wir haben natürlich keine einzige Mine ausgetauscht, sondern die ausgeschriebenen Kulis weggeschmissen und immer einen der neuen parat gelegt“, erinnert sich Watzl — und klopft sich lachend auf die Schenkel ob der folgenden Erzählung von Karl Eckmayr: „Ratzenböck war bei einer Schuleröffnung im Ennstal. Der Lehrer fragt die Kinder, ob sie denn wüssten, wer der Mann sei. Da springt ein Bub auf: Ja, das ist der Heilige Dr. Josef Ratzenböck! Dieser nahm´s mit Humor und meinte schlagfertig: Kindermund tut eben Wahrheit kund.“