SOS-Kinderdörfer: Seit 70 Jahren ein Ort der Geborgenheit

Am 25. April 1949 schlug eine besondere Geburtsstunde – an jenem Tag wurde die „Societas Socialis“ gegründet, später bekannt geworden als SOS-Kinderdorf. Treibende Kraft war der damalige Vorarlberger Medizinstudent Hermann Gmeiner. In Österreich bot SOS-Kinderdorf innerhalb der nun bereits 70 Jahre rund 12.000 Kindern und Jugendlichen ein sicheres Zuhause.

Von Oliver Koch

Es begann als Idee in kleiner Runde rund um den Vorarlberger Medizinstudenten Hermann Gmeiner, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Leiter der Dekanatsjugend Innsbruck das Elend vieler Kriegswaisen kennenlernte. Die Geburtsstunde schlug schließlich am 25. April 1949 – also vor 70 Jahren – mit der Gründung der „Societas Socialis“. Daraus entstand eine Idee, eine Bewegung, die bis heute Bestand hat: SOS-Kinderdorf.

Gmeiners These dabei war: „Jedes Kind braucht eine Mutter und wächst am natürlichsten mit Geschwistern in einem eigenen Haus innerhalb einer Dorf-Gemeinschaft auf.“ Dieser familienpädagogische Ansatz machte die SOS-Kinderdörfer zu Pionieren der Kinderbetreuung. Eröffnet wurde das erste Haus („Haus Frieden“) am 15. April 1951 in Imst in Tirol. Erste Kinderdorfmutter war die Burgenländerin Maria Weber. Es blieb nicht lange bei einem Kinderdorf, das zweitälteste Österreichs wurde 1955 gegründet – und zwar in Altmünster.

1956 bezogen dort die ersten sieben SOS-Kinderdorf-Familien ihre Häuser. Heute werden dort rund 80 junge Menschen in elf Einheiten und fünf unterschiedlichen Angebotsformen begleitet. Das bis dato jüngste SOS-Kinderdorf befindet sich übrigens ebenfalls in Oberösterreich: Der Standort in Rechberg (Bezirk Perg) feierte im Vorjahr zehnjähriges Jubiläum. In dem Dorf, das den Namen „Haus Sonnenschein“ trägt, wurden bis dato 52 Kinder betreut. Drei junge Erwachsene haben bereits den Schritt in ein selbstständiges Leben gemacht. Der Bau vom SOS-Kinderdorf Rechberg geht auf ein österreichweit einzigartiges Sozialprojekt zurück. Motiviert vom eigens gegründeten Verein „Wirtschaft für Mühlviertler SOS-Kinderdorf“ machten fast 600 Wirtschaftsbetriebe aus dem Bezirk Perg beim Bau mit. Zusätzlich kauften 1300 Privatpersonen, Firmen und Vereine Grundstücksanteile oder spendeten Geld.

Weltweit gibt es aktuell 572 SOS-Kinderdörfer

Doch die Idee von SOS-Kinderdorf machte nicht an den Grenzen Österreichs Halt. Im Jahr 1960 gibt es bereits zehn SOS-Kinderdörfer mit rund hundert Familien. Möglich gemacht haben das etwa eine Million Freunde, die die Organisation mit regelmäßigen Spenden unterstützen, steht auf der Website www.sos-kinderdoerfer.de. Außer in Österreich haben sich in Frankreich, Deutschland, Finnland, Belgien und Luxemburg SOS-Kinderdorf-Vereine gegründet. 1963 wird das erste nicht-europäische SOS-Kinderdorf in Daegu (Korea) errichtet. Im Jahr 1979 nehmen gleich 30 SOS-Kinderdörfer ihren Betrieb auf. Aktuell gibt es weltweit 572 SOS-Kinderdörfer und mehr als 2000 weitere SOS-Kinderdorf-Projekte und -Programme. „Kinder und Jugendliche zu unterstützen, ihnen und ihren Eltern wieder Halt und Stabilität zu geben als Basis für ein liebevolles Zuhause ist unsere tägliche Aufgabe in Österreich und 135 Ländern der Welt“, sagte unlängst SOS-Kinderdorf-Co-Geschäftsführer Christian Moser bei einem Pressegespräch anlässlich des Jubiläums.

Österreichweit werden 1800 Kinder betreut

Doch wie ist die Situation aktuell in Österreich? 2018 wurden in Österreich in 14 SOS-Kinderdörfern mit Standorten in allen Bundesländern mehr als 1800 Kinder und Jugendliche in Familien und Wohngruppen betreut und hatten dort ein stabiles Zuhause, verlautbart der Verein. Knapp 1300 junge Menschen unterstützte SOS-Kinderdorf mobil und durch Begleiten von (Krisen)Pflegefamilien. Rund 2500 kamen zur Beratung, Diagnostik und Therapie in die Ambulatorien des Vereins. Und nicht zu vergessen: die mehr als 80.000 Telefon- und Chatberatungen und mehr als eine Million Besucher der Website von „Rat auf Draht“, der hierzulande wichtigsten anonymen, kostenlosen 24-Stunden-Hotline für Kinder und Jugendliche in Österreich, die SOS-Kinderdorf als Träger übernommen hat.
Doch braucht es SOS-Kinderdorf heutzutage hierzulande überhaupt noch? „Ja, weil es in einem der reichsten Länder der Welt Not immer noch gibt. Die Ursachen sind heute andere als damals. Nur eines bleibt konstant; der Bedarf an Hilfe“, so Moser. Das belegen die Erfahrungen von SOS-Kinderdorf und auch die Zahlen der Kinder- und Jugendhilfe. So stieg in den vergangenen 15 Jahren die Zahl der Fremdunterbringungen von etwa 10.000 auf mehr als 13.000 und die Zahl der Unterstützungen der Erziehung von rund 25.000 auf mehr als 35.000.

Der Gründer, Hermann Gmeiner, starb am 26. April 1986, fast auf den Tag genau 37 Jahre nach Gründung der „Societas Socialis“ an Krebs. Seinem Wunsch entsprechend wurde er im Kinderdorf Imst begraben, wo eine Gedenkstätte an ihn erinnert.