Späte Würdigung für Karl Weigl

Brucknerhaus: Überragender Erfolg mit Erstaufführungen

Nicole Heesters, Thomas Sanderling und das Bruckner Orchester Linz am Sonntag im Brucknerhaus
Nicole Heesters, Thomas Sanderling und das Bruckner Orchester Linz am Sonntag im Brucknerhaus © R. Winkler

Von Georgina Szeless

Am Wochenende hat das Brucknerhaus gleich in zwei Konzerten das Schaffen des Wiener Komponisten Karl Weigl (1881-1949) in Erinnerung gerufen. Der einst hochangesehene Musiker aus dem Umfeld von Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Alexander Zemlinsky, Richard Strauss, Bruno Walter u.a. musste sich 1938 eine neue Heimat in Amerika aufbauen und war in seinem schöpferischen Wirken reichlich eingeengt. Dennoch komponierte er weiter und hinterließ bis zu seinem Tod nicht nur das letzte seiner insgesamt acht Streichquartette.

Am Weigl-Abend am Samstag waren Nr. 4 d-Moll aus 1923/24 und Nr. 6 C-Dur aus 1939, in dem schon die Trauer der Emigration anklingt, und weiters aus „Drei Intermezzi für Streichquartett“ op. 1 „Revelation“ (Offenbarung) zu hören. Es war zu erfahren, wie kompakt Weigls Handschrift mit einer perfekten Satzkunst und warmen Melodik gearbeitet ist und dramatisch bis leidenschaftlich klingt. Das Serenus Quartett (Alexander Knaak, Michael Mayer-Freyholdt, Dorothea Funk, Dita Lammerse) gab sich den europäischen Erstaufführungen der neu entdeckten Stücke in spürbarer Verbeugung hin. Ebenfalls in Europa erstmals gespielt wurde die Klavierfantasie „Toteninsel“ des 22-jährigen Weigl, die der Beethovenspezialist Michael Korstick für sein Brucknerhaus-Debüt technisch und musikalisch ausgefeilt gestaltete.

Kolossales Mammutwerk zum Gedenktag

Die Sonntag-Matinee unter dem Titel „Paradise Lost“ zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust bescherte eine Aufführung von Weigls Sinfonie Nr. 5 „Apokalyptic“ aus den Exiljahren 1942-1945. Natürlich erstmalig zu hören, wollte sich doch jahrzehntelang kein Dirigent dieses kolossale Mammutwerk vornehmen. Der Komponist hat es selbst nie gehört, denn erst 1968 dirigierte Leopold Stokowski die Uraufführung des Werkes in New York. Leicht ist es bei aller Qualität der Musik und der Idee einer zweigeteilten Riesensinfonie nicht zu verstehen. Als Vorspann dient eine „Genesis Suite“ mit stilistisch unterschiedlicher Musik für Sprecher, Chor und Orchester von sieben Komponisten, für die Schönberg und Strawinski die Klammer bilden. Die Texte stammen aus dem Alten Testament, als Sprecher wurden Nicole Heesters und Franz Grundheber gewonnen. Der Slowakische Philharmonische Chor sang in seiner Hundertschaft absolut homogen und auch das Bruckner Orchester in Großbesetzung fühlte sich besonders wohl, konnte es doch dann in Weigls viersätziger Sinfonie, die bei Wahrung eines ganz persönlichen Klangbildes deutlich an Großmeister der Sinfonie anknüpft, auch ein Bruckner- nahes Gefühl spüren. Karl Weigls Musik kennenzulernen, seine geistige Größe, Orchestrierungskunst und kontrapunktische Schärfe, war eine große Bereicherung.

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