„Dann gibt es keinen Nachwuchs mehr“

ÖSV-Präsidentin Stadlober über den Streit mit der FIS, ihr erstes Jahr, die Zukunft des Wintersports

Roswitha Stadlober blickt trotz Streits mit dem internationalen Skiverband FIS zuversichtlich in die WM-Saison, die jetzt so richtig losgeht.
Roswitha Stadlober blickt trotz Streits mit dem internationalen Skiverband FIS zuversichtlich in die WM-Saison, die jetzt so richtig losgeht. © APA/EXPA/Groder

Roswitha Stadlober (59) steht seit 15. Oktober 2021 als erste Frau an der Spitze von Österreichs Skiverband. Bei einem Besuch in Linz nahm sich die Ex-Skifahrerin Zeit für ein ausführliches Gespräch.

VOLKSBLATT: Frau Stadlober, wie würden Sie das erste Jahr Ihrer Präsidentschaft zusammenfassen?

Es ist wie im Flug vergangen. Es war ja ein Start von null auf hundert. Nach der Wahl stand gleich der Weltcup-Auftakt in Sölden vor der Tür, dann Olympische Spiele mit der Herausforderung Covid. Es ist wirklich rasant dahingegangen. Ich bin dankbar, dass wir so erfolgreich waren, Olympia so gut über die Bühne gegangen ist.

Wie geht es mit der Strukturreform voran?

Wir haben viele Prozesse eingeleitet, einen Teil davon hat schon mein Vorgänger Karl Schmidhofer angestoßen. Wir haben die Bereichsleiter-Ebene eingeführt, mit der Digitalisierung begonnen. So ein Prozess dauert natürlich, weil da war wenig bis gar nichts da. Es soll ein Tool geben, auf das alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie Trainer und Trainerinnen zugreifen können, damit alle auf dem gleichen Stand sind.

Sie haben ja auch einen Markenprozess eingeleitet.

Ja, wir wollen die zwei Marken Österreichischer Skiverband und Ski Austria auf eine zusammenführen. Wir werden das nächstes Jahr im April launchen. Das soll dann auch die Neuausrichtung des Verbands darstellen. Wir wollen unseren Sportlerinnen und Sportlern einfach gute Rahmenbedingungen bieten, weil dafür machen wir das alles.

Was war im Jahr eins die größte Herausforderung?

Sicherlich die Corona-Geschichte. Die Belastung für das gesamte Team war da enorm. Ich habe es auch selbst in der Familie miterlebt. Wir haben uns vor den Olympischen Spielen nicht mehr ohne FFP2-Maske im Haus bewegt, sobald die Teresa (Tochter/ÖSV-Top-Langläuferin) irgendwo in der Nähe war und ich bin in Selbstisolation gegangen. Ich möchte wirklich höchsten Dank aussprechen an alle, die bei Olympia im Hintergrund mitgearbeitet haben, sodass die Aktiven eigentlich nichts mitbekommen haben und sich voll auf den Sport konzentrieren haben können.

Herausfordernd sind die Zeiten in Sachen Klima auch für den Wintersport generell. Wie sehen Sie die Zukunft?

Es wird weiterhin Wintersport geben, es ist nur die Frage, in welcher Form. Man muss sich die Frage stellen, ob man so früh beginnen muss. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat vor dem 8. Dezember kein Skilift geöffnet, das ist alles immer früher geworden. Aber Wintersport — Sport generell — ist in Österreich ein wichtiger Wirtschaftszweig. Es gibt eine Studie, die erst kürzlich präsentiert wurde, die besagt, dass der Sport an sich sieben Prozent des Brutto-Inlandprodukts ausmacht und die Wertschöpfung über 20 Milliarden beträgt. Und wenn es keinen Wintersport in Österreich geben kann, wird auch das Wirtschaftsleben ziemlich reduziert werden. Und wir wissen alle, was dranhängt — Arbeitsplätze etc.

Muss auch der Weltcup umdenken?

Die Planung obliegt der FIS. Da können wir unsere Meinung zwar kundtun, aber die Mehrheit entscheidet. Und die Mehrheit haben derzeit die kleineren Verbände. Die FIS muss für sich festlegen, wohin der Weg führen soll, wir können diesen nur mitgehen. Und wenn wir zwei Mal nach Amerika fliegen müssen, ist das für uns ein Wahnsinn. Das haben wir auch deponiert. Viele kleinere Nationen können sich das dann vielleicht nicht mehr leisten. Den einzigen Vorteil, den wir haben — wenn man davon sprechen will — ist, dass wir einen Vertrag mit NBC haben und die Skirennen in Amerika live übertragen werden.

Die Skispringer sind wegen der Fußball-WM auf Matten in die Saison gestartet. Was halten Sie davon?

Es sollte nicht zur Zukunft werden. Wir sind immer noch Wintersportler und Wintersportlerinnen und sollen das auch leben. Aber sie haben sich klar dafür ausgesprochen, dass das wegen der WM eine Ausnahme bleibt.

Sie haben vorhin die FIS schon erwähnt. Am 5. Dezember wird die Klage vor dem CAS einiger Verbände gegen die Wahl von FIS-Präsident Johan Eliasch behandelt. Wie funktioniert im Moment die Zusammenarbeit?

Das Verhältnis ist sehr angespannt und je näher das Hearing kommt, desto mehr wird es. Das persönliche Treffen in Sölden war unterkühlt, würde ich sagen.

Wie stehen die Chancen, dass die Wahl wegen des Stimmzettels, auf dem es kein „Nein“ gab, für ungültig erklärt wird?

50:50. Wir wissen es nicht, aber wir wiegen uns im Recht und wollen einfach Rechtssicherheit haben.

Wenn Sie gewinnen, wie geht es dann weiter?

Dann wird ein Vize-Präsident die FIS interimistisch bis zu einem Kongress leiten, wo es dann eine Neuwahl gibt.

Streit gibt es ja in Sachen Zentralvermarktung, wie es der FIS vorschwebt.

Es geht um zwei Sachen. Das eine ist die Zentralvermarktung der Marketingrechte, gegen die wir uns nicht verwehren. Das kann ja auch gut sein, wenn wir dann auch entsprechend für unsere Veranstaltungen entlohnt werden. Wir könnten uns das einmal befristet für fünf Jahre vorstellen. Das haben wir auch so mitgeteilt.

Und die zweite Sache wäre?

Das sind die Medienrechte. Die können wir nicht hergeben, die gehören uns. Das hat Peter Schröcksnadel aufgebaut, da liegt so viel Know-how und natürlich Geld drinnen. Davon leben wir, damit unterstützen wir die Landesverbände und die Vereine. Und da geht dann nicht mehr, wenn wir das so machen, wie sich das der Herr Eliasch vorstellt. Dann ist das die Enteignung der Verbände, dann gibt es keinen Nachwuchs mehr.

Zurück zum Sport. Es ist wieder eine große WM-Saison — Ski, Nordische WM, Snowboard, Biathlon. Was sind Ihre sportlichen Erwartungen?

Den Nationencup und die eine oder andere Disziplinen-Wertung im alpinen Bereich zu gewinnen. Wenn wir auch Erfolge wie den Nationencup bei den Skispringern oder den Gesamtweltcup von Sara Marita Kramer wiederholen könnten, ist das schön. Von den WM-Medaillen erwarte ich mir sechs bis acht bei den Alpinen, drei bis fünf bei den Nordischen und auch Freestyle/Snowboard ist die eine oder andere drinnen, auch beim Biathlon. Wir können, wenn wir Glück haben, in jedem Bewerb Edelmetall holen.

Die Langlauf-Sparte rund um ihre Tochter ist ja mittlerweile wieder im ÖSV eingegliedert. Was tut sich auf diesem Sektor?

Die Eingliederung war ein wichtiger Schritt, ein wichtiges Signal an die Sportlerinnen und Sportler. Weil Langlauf ja die Grundsportart für Biathlon und teilweise auch die Nordische Kombination ist, wollen wir hier wieder viel enger zusammenarbeiten. Gerade mit den Biathleten gibt es gemeinsame Themen. Diese Woche besuchen etwa Dominik Landertinger (Ex-Biathlet/Anm.) und mein Mann Alois die Stützpunkte. Es ist einfach wichtig, dass der Unterbau, die Grundausbildung gemeinsam gemacht wird.

Mit ÖSV-Präsidentin ROSWITHA STADLOBER sprach Tobias Hörtenhuber

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