Sportliches Ausnahmetalent

Der Start von Johannes Binder (28) ins Leben war alles andere als einfach. Durch eine Komplikation bei einer Fruchtwasseruntersuchung wurde der junge Frankenburger mit einer Behinderung geboren. Erst im Alter von elf Jahren hat er mit Hilfe einer unkonventionellen Therapie einen enormen Entwicklungsschritt gemacht. Heute trumpft der Autist mit Inselbegabung in vielen Sportarten richtig auf.

Johannes (mit seinen Eltern Christine und Johann) überreicht LH Thomas Stelzer ein von ihm gemaltes Bild vom Linzer Dom.
Johannes (mit seinen Eltern Christine und Johann) überreicht LH Thomas Stelzer ein von ihm gemaltes Bild vom Linzer Dom. © Land OÖ

Von Michaela Ecklbauer

Mit einer Silbermedaille im Gepäck ist Johannes Binder (28) heuer von den Special Olympics World Summer Games in Abu Dhabi nach Hause gekehrt. Errungen hat sie der junge Frankenburger mit dem Fußball-Nationalteam. Doch das ist bei weitem nicht die einzige Sportart, in der der Autist mit Inselbegabung brilliert. Sein sportliches Talent wurde bereits 2007 in der Einrichtung „Anderskompetent Oberrain“ in Unken bei Lofer erkannt, seither fährt er einen Erfolg nach dem anderen ein und das in neun Disziplinen: Stocksport, Bowling, Langlaufen, Weitsprung und Laufen, Mountainbiken, Schwimmen, Fußball als Tormann, Stürmer und Mittelfeld-Spieler und im Eiskunstlauf.

Dass aus Johannes so ein erfolgreicher Sportler werden würde, hatte seine Mutter nicht geglaubt, denn sein Start ins Leben, war alles andere als geebnet. Eine Fruchtwasseruntersuchung in der 14. Schwangerschaftswoche ging schief. Es folgten viele Krankenhausaufenthalte bis das Baby als Frühchen per Kaiserschnitt zur Welt kam. „Wir haben gehofft, dass Johannes keine Behinderung hat, aber das hat sich nicht erfüllt“, sagt Christine Binder zum VOLKSBLATT.

Im Brutkasten wurde das 1420-Gramm-Baby gut aufgepäppelt, doch kaum zu Hause hatte der Säugling genau am 39. Geburtstag seiner Mutter den ersten Atemstillstand und wurde von seinem Vater erfolgreich reanimiert. Es sollten noch zwei weitere derart dramatische Situationen im ersten Lebensjahr des Buben folgen. Er lernte zwar schon mit elf Monaten laufen, aber selbst mit fünf Jahren konnte er nur zwei Wörter sprechen. Auffällig war auch, dass Johannes extrem lärmempfindlich war und ständig Bauklötze auf die gleiche Weise zusammenbaute, um sie sofort wieder zu zerlegen. Auch Wutausbrüche gehörten zum Alltag. Und gefiel ihm ein Kleidungsstück – zum Beispiel ein Skianzug, dann wollte er ihn jeden Tag anziehen, auch im Hochsommer.

„Da brauchte es viele Tricks und Schmähs, um ihn davon abzuhalten“, schildert seine Mutter, die schwierige Zeit. Die Diagnose Autismus wurde mit acht Jahren gestellt. Die schulische Betreuung – nach einem Jahr Volksschule in Frankenburg folgten drei Jahre in St. Isidor und danach die Hauptschule wieder in Frankenburg – musste sich die Familie hart erkämpfen. Nach und nach stellte sich heraus, dass der Bub kein Gedächtnis hat und sich dadurch auch nichts merken konnte.

Erst durch eine spezielle Laserbehandlung der Triggerpunkte durch einen koreanischen Arzt machte Johannes enorme Fortschritte. Schon nach drei Behandlungen konnte der damals knapp Elfjährige ganze Sätze sprechen. „Das Lesen brachte ich ihm mit dem TV-Programm bei. Johannes musste mir vorlesen, welche Fußballmannschaften bei der WM gerade gegeneinander antraten“, erklärt seine Mutter. Nach der Pflichtschule kam der junge Bursch nach „Anderskompetent Oberrain“, wo er eine Anlehre zum Tischler und Maler machte. Seit Mai 2010 ist der Frankenburger in der Tagesheimstätte der Lebenshilfe in Vöcklamarkt in der Holz- und Industriegruppe, wo es ihm sehr gut gefällt. Noch wohnt er zu Hause, den zehn Kilometer langen Weg in die Arbeit legt er zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Tourbus zurück.

Nicht nur sportlich hat sich Johannes gut entwickelt, auch die Feinmotorik funktioniert ausgezeichnet. Genauigkeit und Präzision gehören sowieso zu seiner Arbeitsweise. Auch als Maler hat er sich – entdeckt von einem Betreuer in Oberrain – etabliert. Seine Bilder hängen in Vorzimmern von Chefetagen, unter anderem hat LH Thomas Stelzer ein Bild vom Mariendom erhalten.

Im Alltag ist Johannes mittlerweile soweit selbstständig, dass er sich adäquat ankleidet, seine Termine im Kopf hat und auch mit dem Taschengeld ganz gut umgehen kann. Zeit spielt bei ihm allerdings keine Rolle, da er mit Dimensionen wie Dauer, Länge, Breite oder Menge nach wie vor nichts anfangen kann, schildert seine Mutter. „Man kann ihm auch nichts anschaffen, sondern muss ihn mit Argumenten überzeugen, warum er etwas tun oder nicht tun soll“, erzählt sie. Wenn jemand einen Zugang zu ihm gefunden hat, dann hat er in Johannes einen Freund für immer. Allerdings darf er Johannes nicht enttäuschen, sonst ist diese Person für immer unten durch.

Dass der 28-Jährige heute so sportlich ist, hat er in erster Linie seinen beiden Brüdern, Alexander (47) und Bernhard (46) zu verdanken, die ihm alles beibrachten, was im Sport wichtig ist. Sie haben ihn einfach überall mit genommen und sich nicht von den Hänse- leien der anderen wegen dem ungewöhnlichen Verhalten ihres Bruders irritieren lassen. „Was sich Johannes in den Kopf gesetzt hat, dass erlernt er auch – mit ganz viel Übung. Und wenn er es kann, dann verlernt er das auch nicht mehr“, erzählt seine sichtlich stolze Mutter.

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