Sprache nahe am Zerbröseln

Clemens J. Setz' famose Kurzgeschichten „Der Trost runder Dinge“

Clemens J. Setz
Clemens J. Setz © Suhrkamp, Max Zerrahn

Von Christian Pichler

Er kellnert tagsüber in einem Kaffeehaus in Graz. Er lernt eine Frau kennen, sie ist blind. In ihrer Wohnung, an den Wänden, überall hässliche Wörter. SAU, HURE etc. Soll er es ihr sagen? Nein, er will beider gemeinsamen Anfang nicht kaputt machen. Als sie ihn später ein paar Stunden allein in der Wohnung lässt, ist es zu spät: Er käme jetzt selbst als Verfasser in Frage.

Der Text betitelt „Otter Otter Otter“: lautmalerisch für den Moment, wenn sich die altersschwache Katze des Erzählers erbricht. „Der Trost runder Dinge“, zwanzig famose Kurzgeschichten von Clemens J. Setz, die kürzesten gerade eine halbe Seite lang. Meistens spricht ein Ich, dem nicht ganz zu trauen ist. Er habe etwa 2009 „Die Ferkelszenen“ verfasst.

Das stimmt beinahe, Setz’ zweiter Roman heißt „Die Frequenzen“. In der ersten Story „Südliches Lazarettfeld“ zählt er bevorzugte Autoren auf, darunter Johann Peter Hebel, Philip K. Dick. Er nennt sie „lauter unbrave, prächtige Strolche“.

Ein gewitzter Schreiber, dem man gerne folgt

„Unbrav“ — diese Wortkreation trifft natürlich auch auf Clemens J. Setz zu. Der Grazer, vielfach ausgezeichnet (heuer Berliner Literaturpreis), ein gewitzter Schreiber, dem der Leser nur zu gerne folgt. Ein Experte für das Vibrieren zwischen Mensch und Welt, zwischen Mensch und Mensch.

Sprache oft nahe am Zerbröseln wie in „Spam“: Die Erzählung als (elektronischer) Bittbrief, vom Übersetzungsprogramm des Computers bruchstückhaft ins Deutsche transponiert. „Ja, bestimmt hast du geahnt, was verborgen ist in diesen Zeilen schon seit Beginn des Lesen (sic).“

Namen, Identitäten fragwürdig, wie im Text „Suzy“: Mit „Suzy“ unterschreibt sich ein Jugendlicher, der aus einer Laune heraus seine Handynummer an die Wand einer Toilette in einem Erotiklokal kritzelt. In den folgenden Wochen Anrufe, in denen er sich als Sohn besagter Suzy ausgibt. Dass es sich bei der Aktion um einen „Gag“ handle, wollen ihm die meisten Anrufer nicht glauben.

Setz lesend bestaunt man, dass ein Bewusstsein überhaupt über längere Zeit Stabilität bewahren kann. In „Die Katze wohnt im Lalande’schen Himmel“ bringt ein Fotoalbum den Autor auf die Spur eines 1920 in Frankreich verstorbenen Psychiatriepatienten. Sein Unglück begann, als er hoch über ihm zutiefst Verstörendes sah. Wer einmal die Lichter am nächtlichen Sternenhimmel zu unheimlichen Gestalten verknüpft hat, der kennt kein ruhiges Leben mehr. Die Lichtverschmutzung unserer energieintensiven Weltgegend ist da ausnahmsweise ein Segen.