Sprachgewaltige Poetin im Olymp

Literaturnobelpreis geht an 77-jährige US-Amerikanerin Louise Glück

Louise Glück hält 2014 den amerikanischen National Book Award in Händen, am 10. Dezember wird es der Nobelpreis sein.
Louise Glück hält 2014 den amerikanischen National Book Award in Händen, am 10. Dezember wird es der Nobelpreis sein. © AFP/Getty Marchant

Es hätte ein kleiner Hinweis auf das sein können, was nun die Literaturwelt überraschte: Louise Glück erhielt heuer bereits den „Tomas Tranströmerpriset“ der schwedischen Stadt Västeras, benannt nach jenem Lyriker, dem ebenfalls überraschend 2011 der Literaturnobelpreis verliehen worden war. Nun folgt ihm die 77-jährige US-Kollegin nach: Das Nobelpreiskomitee kürte die gebürtige New Yorkerin zur Literaturnobelpreisträgerin 2020.

Glück kam am 22. April 1943 als Enkelin ungarischer Juden zur Welt, die in die USA emigriert waren, und wuchs auf Long Island auf. Ihre Ausbildung absolvierte sie im Sarah Lawrence College im Bundesstaat New York und an der Columbia University in Manhattan — allerdings ohne Abschluss.

Lyrik und Lehre

Der Anfang der eigenen künstlerischen Laufbahn war dann auch gleich das Ende — für längere Zeit. 1968 veröffentlichte Glück mit „Firstborn“ ihren ersten Gedichtband, in dem sie ihre wütenden, unzufriedenen Protagonisten meist aus der ersten Person heraus sprechen lässt.

Dem Erstling folgte eine mehrjährige Schreibblockade. Ihr Wechsel in die Lehre am Goddard College von Vermont 1971 half der Autorin, wieder zu ihrer eigenen Sprache zurückzufinden. Zugleich war das der Beginn einer langen Karriere als Dozentin, hatte Glück doch von 1984 an für 20 Jahre eine Professur am Williams College inne und war von 1999 an für vier Jahre Kanzlerin der Academy of American Poets. Seither ist Glück Professorin an der Yale University und lebt in Cambridge (Massachusetts).

Die Arbeit als Lehrende hielt Glück nicht von ihrem poetischen Weg ab. 1975 folgte mit „The House on Marshland“ ihr zweiter Gedichtband, in dem sie teils historische Figuren als Ausgangspunkt nahm und mit dem sie ihren echten Durchbruch zur eigenen Sprache feierte. In „The Triumph of Achilles“ (1985) zerlegt sie in den Folgejahren die Archetypen im griechischen Mythos, der Bibel oder dem Märchen, in „A Village Life“ (2009) subsumiert sie die Lebenswelten in einem mediterranen Dorf.

Bereits 2014 konnte sich Glück über den renommierten National Book Award freuen, den sie für „Faithful and Virtuous Night“ erhielt, eine höchst persönliche Reflexion und Fortentwicklung ihres eigenen Stiles und eine vermeintlich leichtfüßige Beschäftigung mit dem Tod. Für „Wilde Iris“ hatte sie bereits 1993 den Pulitzer-Preis für Dichtung erhalten. Insgesamt hat Glück bisher zwölf Gedichtsammlungen und einige Essaybände veröffentlicht. In deutscher Übersetzung ist bisher davon nur wenig erschienen, das sollte sich jetzt wohl ändern.

Kindheit und Familie

Charakteristisch für Glücks Stil war lange ein unbeirrtes Streben nach Klarheit und Minimalismus, eine Maxime, die sich zuletzt etwas aufweichte. In „Ararat“ (1990) gelang ihr nach eigenen Angaben erstmals, Alltagssprache zu integrieren. „Niemand kann härter als sie darin sein, die Illusionen des eigenen Selbst aufzudecken“, würdigte das Nobelpreiskomitee die frisch gekürte Preisträgerin. So sind Kindheit und Familienleben thematische Dominanten im Oeuvre der zweifach geschiedenen Mutter eines Sohnes. Man dürfe Glück aber nicht mit einer rein autobiografisch agierenden Autorin verwechseln: „Glück sucht das Universelle, und dabei bekommt sie Inspiration aus dem Mythos, den klassischen Motiven.“

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