Sprechplatte mit Booklet: Michael Niavarani liest Nestroy

Im Sommer haben Michael Niavarani und Georg Hoanzl mit dem „Theater im Park“ eine Freiluftbühne im Privatgarten des Palais Schwarzenberg etabliert, die auch in der nächsten Saison weitergeführt wird. Bei einer Vorstellung mit Harald Schmidt wurde der Kabarettist und Regisseur dann mit einem Nestroy-Preis als „Publikumsliebling“ ausgezeichnet. Am 11. Dezember veröffentlicht er eine CD inklusive Buch („Niavarani liest Nestroy“), in dem er sein Verhältnis zu Nestroy aufarbeitet.

APA: Wie haben Sie es in dem Jahr, in dem Sie noch dazu so viel auf die Beine gestellt haben, auch noch geschafft, ein Buch zu schreiben?

Michael Niavarani: Naja, es ist sehr dünn. Es hat ja nur 150 Seiten. Eigentlich ist es ein Booklet zur CD, auf der ja das Hauptaugenmerk liegt. Auf der ist zu hören, wie ich Nestroy spiele und auch ein bissel was dazu erzähle. Und dann haben wir gesagt, eine CD verkauft sich nicht, ich soll besser noch ein Buch schreiben. Außerdem ist es sich deshalb ausgegangen, weil ich die ganze Recherche über den Nestroy ja schon in den letzten 30 Jahren erledigt habe. Was mich aufgehalten hat, war dann nur mehr, die richtigen Stellen zu finden. Aber dabei hat mir Walter Obermaier, einer der Herausgeber der 38-bändigen Gesamtausgabe, sehr geholfen. Ohne dessen Hilfe wäre es nicht so schnell gegangen. Aber die Texte selber, die Stücke und die Figuren, die habe ich schon als Jugendlicher aufgesogen und geliebt und hatte sie deshalb parat. Das könnte ich bei Molière nicht, auch nicht bei Shakespeare, obwohl ich mich mit dem auch sehr beschäftigt habe. Da sind die Lücken zu groß. Aber der Nestroy hat mich wirklich ein Leben lang begleitet.

APA: Ist es Ihnen auch umgekehrt passiert, dass Sie jetzt etwas Neues entdeckt haben, das Ihnen bisher entgangen ist?

Niavarani: Ich hab viele Stellen in seinen Misserfolgen, in den ungeliebten Stücken, die kaum gespielt werden, gefunden. Das Unglaubliche an Nestroy ist, dass er selbst in den schlechtesten Stücken, wo er ausgebuht wurde und die nur zweimal aufgeführt wurden, fünf Sätze geschrieben hat, die es wert sind, weiter erzählt zu werden. Szenen, die so lustig sind, dass ich es schade gefunden habe, dass ich sie nie gespielt habe.

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APA: Haben Sie sich schon länger mit dem Gedanken getragen, dieses Projekt zu realisieren oder war der Nestroy-Publikumspreis der Auslöser?

Niavarani: Tatsächlich war es meine Mutter, die nach der Auszeichnung am Telefon gesagt hat: „Jetzt arbeite einmal was und spiel halt auch mal einen Nestroy, nicht immer nur deine Sachen.“ Mein erster Gedanke war, ein Stück vorzubereiten. Dann habe ich mir aber gedacht, ich nehme eine Sprechplatte auf. Ich liebe das Wort Sprechplatte. Ich wollte eigentlich das ganze Projekt „Michael Niavarani: Sprechplatte“ nennen. Aber da haben mir alle abgeraten, weil das Wort ja niemand mehr kennt. In weiterer Folge kam dann die Idee: Wenn wir schon ein Booklet machen, machen wir gleich ein längeres Buch. Ich sehe es als Appetithäppchen, als kleines Türl, das vielleicht für jemanden aufgeht. Ich zeige meine Verliebtheit in Nestroy und sage: „Schau wie toll, ist er nicht lustig?“ Man kann sich also jederzeit nach der Lektüre in die Biografie und die Gesamtausgabe hineinzustürzen.

APA: Welchen Stempel kann man dem Buch aufdrücken? Ist es ein Nestroy-Reader? Oder nicht auch irgendwie eine Niavarani-Biografie?

Niavarani: Es ist das dickste Booklet der Welt! Es ist größer als die CD. Die dauert ja nur 70 Minuten. Das Booklet hat 150 Seiten.

APA: Und wenn Sie sagen, es ist ein Appetithäppchen – gilt das auch für Sie? Wollen Sie jetzt ein größeres Projekt draus machen?

Niavarani: Man könnte natürlich ein Leben lang nur Nestroy spielen, das hat er ja auch gemacht. Obwohl, das stimmt nicht. Er hat 600 Rollen einstudiert und dabei waren nur 80 von ihm. Aber im Ernst: Es gibt dann doch wieder andere Dinge, die ich machen will: Solokabarett spielen oder vielleicht auch wieder einen von mir bearbeiteten Shakespeare oder ein eigenes Stück … aber wir planen wahrscheinlich etwas mit Nestroy im Sommer im „Theater im Park“.

APA: Apropos: Damit haben Sie aus der Not heraus ein sehr erfolgreiches Format entwickelt, das nun in die Verlängerung geht. Wann war Ihnen klar, dass Sie das auch 2021 wieder organisieren wollen?

Niavarani: Das war schon irgendwann mitten im Sommer, als ich in der Garderobe gesessen bin. Die war das erste Mal in meinem Leben im Freien. Und ich bin es nicht gewohnt, so viel Sauerstoff zu kriegen. Und da wurde mir klar, dass wir das – egal wie sich die Situation entwickelt – im nächsten Jahr wieder machen müssen. Es macht unabhängig von Corona Spaß, unter diesen zwei alten Platanen Sommertheater zu machen.

APA: Sie haben trotz aller Widrigkeiten etwas Positives geschaffen. Glauben Sie, dass die Kultur ganz allgemein in diesem Jahr durch Innovationsdruck gewachsen ist?

Niavarani: Ich glaube generell, dass wir Menschen die Fähigkeit besitzen, aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Das sieht man an der Geschichte der Menschheit. So haben wir etwa nach etwas so Schrecklichem wie dem Zweiten Weltkrieg das Positivste, was man sich überhaupt vorstellen kann, entwickelt: ein Modell, dass so etwas nie wieder in Europa passieren soll. Und im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg ist die Coronakrise ja ein Lercherlschaß. Das Schlimmste, was wir machen müssen, ist, zu Hause zu sitzen und uns Sorgen zu machen, dass wir in Konkurs gehen. Und Netflix schauen. Würde ich das meinem Urgroßvater erzählen, der zwei Weltkriege erlebt hat, der würde mir bei diesem Vergleich eine Watschen geben.

Klar ist es grauenvoll und schrecklich, was wir erleben. Und wir wissen noch nicht, was es mit uns macht. Weil wir sind halt Wesen, die die Herde brauchen, wir müssen uns treffen, wir müssen uns angreifen. Aber es ist nicht so schlimm, und ich glaube, dass wir in 100 Jahren in den Geschichtsbüchern über unsere Zeit lesen, dass es die Menschheit in eine sehr, sehr positive Richtung verändert hat. Immerhin wurden das erste Mal in der Menschheitsgeschichte die Grundrechte des Menschen beschränkt, also quasi totalitäre Gesetze gemacht, um Menschenleben zu retten – nicht um Menschen zu töten, wie es in den 6.000 Jahren Menschheitsgeschichte davor war.

APA: Im heurigen Jahr wurden ja viele Onlineformate entwickelt, mit denen sich mittlerweile auch ein wenig Geld verdienen lässt. Glauben Sie an eine Trendwende?

Niavarani: Das wird wieder verschwinden oder bestenfalls als Zusatz des Theaters funktionieren. Ich habe mir die Onlineübertragung aus dem Theater an der Wien von Alfred Dorfers „Figaro“-Inszenierung angeschaut. Sie war großartig und das Orchester fantastisch. Am Ende gab es aber keinen Applaus. „Gefällt es den Leuten nicht?“, hab ich mich gefragt. Dann wurde mir klar: Es gibt ja kein Publikum. Ich glaube nicht, dass man künftig auf das Liveerlebnis verzichten wird wollen. Es wird nur so sein, dass die Veranstalter künftig halt auch für Übertragungen gerüstet sein werden.

APA: Sie sind als Künstler auch sehr stark unternehmerisch tätig. Umso mehr haben auch Sie erfahren, was passiert, wenn Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird. Haben Sie im Umgang mit der Branche im Laufe des Jahres Verbesserungen wahrgenommen?

Niavarani: Ich verstehe die Aufregung nicht. Kultur darf gar nicht systemrelevant sein! Die Kultur sollte immer außerhalb des Systems stehen, das System kritisieren und ihm sagen können, dass es scheiße ist oder „Das hast du gut gemacht“. Systemrelevante Kultur gibt‚s nur in Diktaturen, wo es darum geht, dass die Menschen durch Kultur abgelenkt werden oder die Ideologie der herrschenden Klasse verbreitet werden soll. Ich bin froh, dass wir nicht systemrelevant sind. Es ist gut, dass wir komplett unwichtig sind. Denn nur so kann man uns ernst nehmen. Aber natürlich muss uns geholfen werden, es wird ja auch hoffentlich den Blumengeschäften geholfen werden. Klar wurde unsere Freiheit beschränkt, aber nicht in der Form, wie sie zur Zeit Nestroys durch Zensur beschränkt wurde.

APA: So schließt sich der Kreis. Wie werden Sie Ihre Nestroy-Liebeserklärung präsentieren, wenn es weder Lesungen noch CD-Präsentationen geben wird?

Niavarani: Wir wissen nicht, was in den nächsten Wochen und Monaten möglich sein wird. Aber ich finde das alles nicht so wichtig. Wenn jemand das Buch haben will, kann er es sich ja online kaufen. Nur nicht bei Amazon! Aber dort gibt es das sowieso noch nicht.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E – Micheael Niavarani: „Niavarani liest Nestroy. ‘Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist’“, mit CD, Schultz&Schirm Bühnenverlag, 152 Seiten, 24,90 Euro)

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