Staatsoper mit „Don Giovanni“ am Felsen und im Fernsehen

Vorweihnachtszeit in Wien: Die Straßen sind jahreszeitlich erleuchtet, es fröstelt – und in der Staatsoper werden Geisterpremieren ohne Publikum für TV und Stream abgehalten. Beinahe schon lieb gewordenes Brauchtum. Im aktuellen Lockdown feierte am Sonntag mit dem „Don Giovanni“ in der Deutung von Barrie Kosky nun eines der Großprojekte der Direktion Bogdan Roščić diese Bühnengeburt: Der neue Da-Ponte-Zyklus. Und der ist trotz der Umstände gelungen.

Die Trilogie der Zusammenarbeit von Mozart mit dem Librettisten Lorenzo Da Ponte, bestehend aus „Don Giovanni“, „Figaro“ und „Cosí fan tutte“, gilt für so ziemlich jede Opernspitze als Markstein – und bescherte Roščićs Vorgänger Dominique Meyer mit der rundweg als Bauchfleck einzuordnenden Inszenierung des „Don Giovanni“ durch Jean-Louis Martinoty erstmals massiv negative Kritiken in seiner ersten Saison. Diese Scharte soll nun also der Noch-Intendant der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, auswetzen. Und das leistet der neue Staatsopern-„Don Giovanni“, der so ziemlich das Gegenbild zur statischen, kostümbefrachteten und gleichsam semikonzertanten Martinoty-Arbeit darstellt.

Kosky liegt insgesamt weniger an der schönen Stimme, denn am Spiel. Entsprechend setzt sich das Ensemble im Wesentlichen aus jüngeren Sängerinnen und Sängern zusammen, die Haus- oder Rollendebüt feiern. Und doch bringt das nur selten stimmliche Ausfälle wie beim französischen Tenor Stanislas de Barbeyrac als Ottavio mit sich. Auf der anderen Seite hat der Regisseur so ein spielfreudiges Ensemble, mit dem er Musiktheater im wörtlichen Sinne umsetzen kann.

So gibt der US-Amerikaner Kyle Ketelsen bei seinem Hausdebüt einen durch und durch menschlichen Don Giovanni, der zwar bisweilen wie ein Raubtier die Witterung einer nächsten Eroberung aufnimmt, aber doch als viriler, nymphomanischer Verführer agiert, nicht als Metapher. Der weiße, heterosexuelle Mann in testosteronbefeuerter Reinkultur. Und der wie in den meisten Inszenierungen Mokassins ohne Socken trägt. Woher kommt eigentlich dieses Klischee? Aber gut, Nebenthema.

In Dichotomie dazu ist der Leporello des kanadischen Bassbaritons Philippe Sly weniger der Testosteronbomber als ein Pubertierender, der sich von seinem Altvorderen lösen möchte, überspannt, rebellierend und doch immer wieder auch Halt suchend bei der Vaterfigur, dem er in puncto Bühnenpräsenz in nichts nachsteht. Leporello ist hier ein androgynes Wesen, getrieben von seinen Dämonen, das am Ende in das Ausgangsbild des Wartens zurückkehrt, ein Sinnbild für die stete Wiederholung des Immergleichen. Die Parallelität der beiden Charaktere bis hin zum Doppelgängermotiv wird hier nicht zentral ausgespielt, sieht man vom ähnlich gelagerten, dunkel getönt-satten Bassbariton von Ketelsen und Sly ab. Und während Kate Lindsey als Elvira eine verhältnismäßig bodenständige Seite ihrer Figur herausarbeitet, ist Hanna-Elisabeth Müller eine stimmlich elegante Donna Anna, die mehr ist als nur die moralisch erhabene Edelfrau.

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Dass diese Truppe dank ausgeklügelter Personenführung und psychologischer Analyse der einzelnen Beziehungsgefüge einen theatral herausragenden Abend abliefert, überspielt im ureigensten Wortsinn die Schwäche des Bühnenbildes (Katrin Lea Tag). Kosky hält das Geschehen bewusst in einem ambivalenten Nicht-Raum, in dem sich Dunkelheit und Halbschatten die Klinke in die Hand geben. Ambivalent ist jedoch nicht nur die Intention, sondern auch die Wirkung. Es ist ein nackter Walküren-Felsen, der wirkt, als kämen jeden Moment Siegfried und Brünnhilde um die Ecke. Es ist zwar eine ästhetische, in ihrer archaischen Anmutung jedoch nicht unbedingt schlüssige Wahl für einen mit fein ziselierten Beziehungsgeflechten operierenden „Don Giovanni“.

Abseits des Felsens, in den Schluchten des Orchestergrabens, pendelten sich die Wiener Philharmoniker indes unter Musikdirektor Philippe Jordan auf einen ausgeglichenen Mittelwert mit großem symphonischem Gestus ein. Bisweilen positioniert Jordan Teile des Orchesters als Bühnenmusiker am Felsen, und hie und da wird eine scharfkantige Akzentuierung gesetzt, die aber auch nicht wehtun will. Insgesamt ein starker Auftakt zur Trilogie also, der sich aber strategisch klug nicht die Möglichkeit einer kleinen Steigerung nimmt.

(S E R V I C E – „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Musikalische Leitung: Philippe Jordan, Regie: Barrie Kosky, Bühne/Kostüme: Katrin Lea Tag. Mit Don Giovanni – Kyle Ketelsen, Komtur – Ain Anger, Donna Anna – Hanna-Elisabeth Müller, Don Ottavio – Stanislas de Barbeyrac, Donna Elvira – Kate Lindsey, Leporello – Philippe Sly, Zerlina – Patricia Nolz, Masetto – Peter Kellner. Reguläre Aufführungen nach jetzigem Stand am 14., 17. und 20. Dezember sowie am 3., 6., 8., 10. und 15. Juni. )

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