Startenor Piotr Beczala: „Ich habe noch zwei Akte vor mir“

Startenor Piotr Beczala über seine Biografie, Linz und Steinpilze

Startenor Piotr Beczala
Startenor Piotr Beczala © Anja Frers

Am 3. Dezember hätte er die „neue“ Saison mit „Werther“ an der Wiener Staatsoper eröffnet. Das ist nun auf unbestimmte Zeit verschoben.

Mit seiner Biografie gibt Startenor Piotr Beczala aber ein sehr persönliches Lebenszeichen.


VOLKSBLATT: Ihr Buch „In die Welt hinaus. Ein Opernleben in drei Akten“ beginnt mit einer wunderschönen Szene auf der Bühne, mit „Encore!“-Rufen. Jetzt ist wieder alles dicht. Wie sehr vermissen Sie Ihr Publikum?

Sehr. Ich war in der glücklichen Position, im Sommer ein paar Festivals singen zu dürfen, vor allem in Österreich. Das hat mir sehr viel gegeben, aber allgemein vermisse ich das Publikum sehr. Aber hoffentlich ist das bald vorbei und solche Momente, wie ich sie im Buch beschrieben habe, kommen bald wieder. Obwohl: Vor einem Monat hatten wir die „Werther“-Premiere und ich wurde von einem Viertel des normalen Publikums, also von 420 Leuten, „gezwungen“, die „Werther“-Arie zu wiederholen. Wahrscheinlich war das Publikum so hungrig nach Erlebnissen, dass auch das bei solchen Verhältnissen möglich ist.

Was hat sich denn für Sie seit Mitte März alles verändert? Wie viel mussten Sie improvisieren?

Das ist permanente Improvisationskunst jetzt, denn wir wissen nicht, was morgen, was nächste Woche passiert. Das ist eine total neue Situation für mich, weil ich meinen Kalender eigentlich bis 2025 voll habe, auf dem Papier! Das Album während der Corona-Zeit und jetzt das Buch – das sind schon schöne Lebenszeichen. Große Dinge sind aber nicht passiert. Ich sollte im August als Radamès in „Aida“ an der Metropolitan Opera in New York debütieren. Die nächste Möglichkeit dafür gibt es erst 2022. Aber wir müssen uns anpassen und ich bin auch ein großer Anpassungskünstler — an jede Situation, auch an diese.

Wie halten Sie denn Ihre Stimme fit? Muss man sich das so vorstellen, dass der Startenor unter der Dusche singt?

Um Gottes Willen, ich bin kein Küchen- oder Duschsänger. In Wien haben wir ein Studio, da kann ich üben, ohne die Nachbarn zu belästigen. Ich bemühe mich, alle paar Tage meine Stimme einzusetzen, damit sie nicht einrostet. Wie bei einem Oldtimer, der in der Garage steht und den man einmal in zwei Wochen ein bisschen laufen lässt. Ich bin kein Fanatiker, der jeden Tag singen muss, denn ich kann mich auf meine Stimme, meine Technik verlassen. Ich weiß, wenn ich zwei Wochen nichts mache, brauche ich drei Tage, dann bin ich zurück.

Apropos Nachbarn belästigen: Einige Musiker sind in den letzten Monaten auf ihre Balkone gegangen, um dort zu singen. Haben Sie das auch einmal gemacht?

Nein, aber ich habe ein große Terrasse in Wien, da könnte man schon gut ein Konzert geben. Aber es ist ein Innenhof, ich weiß nicht, ob meine Nachbarn da so begeistert wären. Ich müsste es ausprobieren, aber ich hoffe, dass die Coronazeit nicht bis zum Frühling reicht. Aber ich fand es amüsant, ich habe viele Filme von solchen Aktivitäten auf Youtube gesehen. Auch die Online-Konzerte, die etwa die Met oder auch die Wiener Staatsoper veranstaltet haben. Das ist ist sehr, sehr schön, aber im Netz, das sind Lebenszeichen, Live-Vorstellungen kann man nicht ersetzen.

Was hat Sie dazu gebracht, mit einem Buch solch persönliche Einblicke zu geben?

Ich bin nicht so gestrickt, dass ich unbedingt von mir eine Biografie brauche. Vor allem, weil ich ja noch arbeite, ich bin bei der Mitte meiner Tätigkeit, oder sagen wir, im letzten Drittel. Aber wenn ich Freunden Geschichten erzählt habe, haben alle immer gesagt „Du musst das alles aufschreiben, das ist lustig, witzig und interessant.“ Ich finde, mein Werdegang ist schon interessant. Kaum jemand hat es vom Straßen- zum Kammersänger gebracht. 28 Jahre auf der Bühne ohne große Verluste, das ist vielleicht ein gute Lehre für die junge Generation.

Bekanntlich hat Ihre Karriere in Linz gestartet. Haben Sie nur gute Erinnerungen an die Stadt?

Jein. Meine Frau und ich haben 1992 gerade geheiratet und waren bis 1997 gemeinsam in Linz und sagen wir so: Ich hatte als Pole mehr Pflichten als Rechte. Es hat mich nicht gekränkt, aber es gab eine Art mir gegenüber, die vermieden hätte werden können. Aber ich habe mich trotzdem sehr wohl gefühlt und wir haben viele Freunde gewonnen. Jetzt ist Linz ja nicht mehr wiederzuerkennen. Die Stadt hat sich unglaublich schön verändert, das neue Musiktheater … Ich empfand es auch als Genugtuung, nach der Behandlung als Ausländer damals, dass ich der erste Sänger sein durfte, der das Musiktheater eröffnet hat. Nach der Bundespräsidentenrede war ich der erste, der auf dieser Bühne etwas gesungen hat. Ich bin sehr dankbar dafür.

Ihre Deutschkenntnisse haben Sie ja auch bei einem Bad Leonfeldner gelernt. Haben Sie noch Oberösterreichisch im Repertoire?

Wenn ich Österreichisch spreche und nicht so richtig nachdenke, habe ich immer noch einen oberösterreichischen Akzent. Das Schwyzerdütsch etwa hat mich überhaupt nicht geprägt und Wienerisch traue ich mich nicht, weil ich weiß, dass es sehr speziell ist. Also wenn ich irgendwo abgehe, dann in Richtung Oberösterreich. I hob do richtig Probleme mit aundaren Sprochen.

Also da kommt er noch durch, der Linzer.

Oba kloar!

Gibt es denn für Ihre Fans in Oberösterreich Hoffnung, dass Sie, wenn es wieder möglich ist, hier auftreten?

Wir sind permanent mit dem Brucknerhaus und auch mit dem Musiktheater in Gesprächen. Das Problem heute ist, dass man nichts planen kann. Ich habe vor Kurzem den Vertrag der Metropolitan Opera New York zur Saisoneröffnung 2025 bekommen und ich überlege wirklich, ob ich den unterschreiben soll.

Aber ich bin immer wieder privat in Linz. Ein Freund von mir lebt in der Neuen Heimat. Da war meine erste richtig Wohnung, dann sind wir nach Urfahr gezogen. Bei anderen Freunden in Altenberg spielen wir Bridge. Wir haben auch unsere Steinpilzplätze in Oberösterreich. Aber die verrate ich Ihnen nicht, ich kann nur sagen, dass sie in der Nähe von Pregarten sind.

Das heißt, in der Gegend könnte man Ihnen durchaus einmal im Wald begegnen.

Das ist gut möglich. Wir waren einmal bei unserem Freund zum Bridge spielen. Meine Frau wollte dann nicht auf der Autobahn nach Wien fahren. Sie will immer auf den kleinen verwinkelten Straßen durchs Mühlviertel. Aber es wurde dann schon spät und wir sind bei einem Bauernhof gelandet – gar nicht so weit von unserem Steinpilzwald übrigens. Und die Besitzer haben ihre Ferienwohnung aufgemacht, obwohl es schon außerhalb der Saison war. Wir haben miteinander gekocht und ich habe meine CD dort gelassen.

In Ihrem Buch positionieren Sie sich auch politisch, was die aktuelle Lage in Ihrer Heimat Polen betrifft.

Ich kann mich noch ganz genau erinnern an die Zeiten im tiefen Sozialismus. Das verstehen kaum Leute, dass man nichts in den Geschäften hat, das alles so schwer erreichbar ist. Manche sagen, dass die heutige Situation in Polen politisch an diese Zeiten erinnert. Aber was den Wohlstand betrifft, ist es vollkommen anders. Die Leute damals konnten nichts kaufen, haben zweimal im Jahr Schinken bekommen. Heute gibt es zwanzig Sorten Schinken sogar im kleinsten Dorf. Aber politisch ist das heute ein sehr fragwürdiger Moment in der Geschichte. Aber das wird auch irgendwann vorbeigehen. Ich fühle mich als Kosmopolit und als Künstler darf ich nicht spalten, ich muss verbinden. Dafür hat man Kunst und Künstler, dass sie in so schwierigen zersplitterten Zeiten irgendwie alle zusammenzubringen. Mir ist es auch egal, ob jemand von der Straße zu meinem Konzert kommt oder ein Milliardär dafür mit seinem Privatjet eingeflogen kommt.

Das heißt, auch in dieser Corona-Pandemie kann Kunst als verbindendes Element funktionieren …

Das Problem in der Coronazeit ist, dass die Kunst ein bisschen links liegen geblieben ist. Man konzentriert sich auf angeblich wichtigere Dinge. Ich sage nicht, dass das schlecht ist, denn jeder braucht Hilfe. Mir geht es nicht um meinen persönlichen Wohlstand. Ich gehe sehr sorgsam mit meinen Ressourcen um und mir geht es gut. Aber ich weiß, dass 95 Prozent der freiberuflichen Künstler eine katastrophale Zeit erleben und seit Monaten kein Einkommen haben. Man kann sagen, was man will: Kultur ist unglaublich wichtig, auch für die Zukunft. Ein schwieriges Thema.

Vielleicht auch ein schwieriges Thema: Haben Sie schon so etwas wie ein Ausstiegsszenario für Ihre Karriere?

Selbstverständlich. Ich habe nicht vor, bis zum letzten Atemzug auf der Bühne zu stehen. Ich möchte sehr gerne die nächsten Generationen an Sängern aufbauen und unterstützen. Ob das im Zuge einer universitären Ausbildung passiert oder ob ich eine Gesangsschule errichte, das weiß ich noch nicht. Aber ich habe noch ein paar Jahre … deshalb dieses Buch. Das ist in drei Akte gegliedert, aber manche Oper hat eben auch fünf Akte. Ich habe noch zwei Akte vor mir.

Mit Startenor PIOTR BECZALA sprach Mariella Moshammer

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