Staunen und schwelgen in paradiesischen Szenarien „Kostbarkeit und Sinnlichkeit“

Textilkunstausstellung: 100 Werke aus 34 Nationen im „Garden of Eden“ in Schloss Neuhaus Obfrau des Vereins Textile Kultur Haslach Christina Leitner im Gespräch

Sämtliche traditionellen Techniken sind in der Ausstellung „Garden of Eden“zu sehen.
Sämtliche traditionellen Techniken sind in der Ausstellung „Garden of Eden“zu sehen. © Sigi Tomaschko

Von Eva Hammer

„Und sie nahm von der Frucht und aß“, heißt das Projekt dreier Studentinnen der Kunstuni Linz. Bunte Säfte flossen auf weißes Tuch, süß und hübsch, nicht schmutzig oder gar sündig. Der Verein Textile Kultur Haslach hat seit der Gründung 1991 weltweite Bedeutung erlangt. Förderung der Textilkunst zwischen Tradition und Moderne, Forschung und Lehre, Kunst und Handwerk, Experiment und Praxis stehen in den Statuten.

Der Titel zur Textilkunstausstellung 2019 „Garden of Eden“ gilt als Pendant zur Landesausstellung in Aigen-Schlägl. Rund 500 Künstler aus aller Welt reichten Werke ein. Ein Kuratorium aus Obfrau Christina Leitner, Marga Persson von der Kunstuni und einer internationalen Jury entschied sich für 90 Kunstschaffende aus 34 Nationen. Vernissage der mehr als 100 Arbeiten ist morgen im Schloss Neuhaus bei St. Martin im Mühlkreis.

Im ältesten Teil des Schlosses, einem vierstöckigen gotischen Trakt, erblühen bis zum 4. August paradiesische Szenarien. Die Kunstwerke harmonieren, kommunizieren als gehöre eins zum anderen, und doch wirkt jedes einzelne stärker als das Gesamtbild. Wie für die Räume geschaffen, hängen, liegen oder stehen die Arbeiten aus Kanada bis Südkorea, aus Finnland bis Neuseeland. Aus Argentinien stammt ein raumhoher Dschungel. Es wimmelt von Getier und Gewächs, im Zentrum thront ein exzentrischer Schoßhund, ein Farbenreichtum ohne Ende.

Minimalismus folgt auf hitzige Sinnlichkeit

Der hitzigen Sinnlichkeit folgt der asketische Minimalismus japanischer Meisterwerke, eine reduzierte Ästhetik aus feinstem Gewebe, eine „Stimme der Sterne“, die nicht minder sinnlich berührt. Ein Versuch zur Versuchung: Vergreift sich der Betrachter an einem Kunstwerk, wenn eine mit Äpfeln gefüllte Schlange die Aufschrift „Selbstbedienung“ trägt? Edle Tapisserien aus Ägypten dokumentieren das Ergebnis eines Sozialprojekts.

Sämtliche traditionellen Techniken aber auch einzigartige Fertigkeiten wie die von Anna Goldgruber sind zu bestaunen. Es lohnt sich, den Meistern nicht nur genau auf die Hände zu schauen, sondern auch hinter die Stirn, um in der Kraft des uralten Handwerks auch Ausgrenzung und Vertreibung, die Schattenseiten des Paradieses, zu entdecken. Ungezählte Materialien, von kostbaren Stoffen und Garnen bis zu Müllkreationen füllen diesen Garten Eden, der zum Schwelgen, Staunen und Genießen einlädt. Ergänzt durch einen spektakulären Ausblick auf die Donau, wo die Mühl in die Donau mündet, und das Auge von Schlögen bis Aschach reicht.

Infos: www.gardenofeden2019.org


„Kostbarkeit und Sinnlichkeit“

Obfrau des Vereins Textile Kultur Haslach Christina Leitner im Gespräch

VOLKSBLATT: Textilkunst wurde früher mit Handarbeiten gleichgesetzt, eine rein weibliche Beschäftigung. Tugendhafte weibliche Wesen beherrschten das Nähen, Sticken, Stricken …

LEITNER:Im Bereich der Textilkunst hat sich eine unglaublich spannende freie Szene entwickelt, längst hat sie sich emanzipiert von archaischen moralischen Klischees.

Wie man sieht, haben aber Frauen hier fast eine Dreiviertel-Mehrheit.

Auch die männliche Szene emanzipiert sich. Wir haben eine Vielzahl großartiger Künstler dabei. Und ja, Frauen verfügen seit Jahrhunderten über die Fertigkeiten und Techniken. Handwerkliche Traditionen wurden in den Familien von den Müttern an die Töchter weitergegeben. So lernten sie Ausdauer und Geschicklichkeit.

Was können Textilien besser transportieren als andere Kunstsparten?

Textilien haben andere Oberflächen, andere Haptik, andere Assoziationen. Hier zum Beispiel ist gebrauchte Jagdbekleidung verwebt, übrigens von einem Mann! Die Kunst entsteht aus einer kontemplativen, auf die Hände konzentrierten Tätigkeit. Auch Kostbarkeit und Sinnlichkeit des Materials spielen eine Rolle.

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